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Überblick Derivatemarkt

Frankfurt/Main, 28.11.2006 16:11 Uhr (Dieter Lendle)

Weniger Aktionäre – aber mehr Zertifikatebesitzer

Völlig unterschiedliche Phasen prägten die Börsenentwicklung im bisherigen Jahresverlauf. Ging es in den ersten vier Monaten mit den Aktienkursen weiter ruhig und stetig bergauf, folgte im Mai ein heftiger Einbruch der Aktien- und Rohstoffpreise. Negative Inflationsdaten aus den USA schürten die Angst vor weiteren Zinsanhebungen durch die US-Notenbank. Der weltweite Wirtschaftaufschwung schien durch die Verteuerung der Kapitalkosten bei gleichzeitig exorbitant gestiegenen Rohstoffpreisen in Gefahr. Inzwischen kam es zu einer starken Kurserholung, die beim Dow Jones Industrial Average, dem bekanntesten Börsenbarometer der Welt, bis auf einen neuen Rekordstand führte. Als Resultat der Verunsicherung der Investoren kam es in Deutschland zu einem drastischen Rückgang der Aktionärszahlen. Mit einem Verlust von 891.000 Aktionären bzw. Besitzern von Aktienfonds ermittelte das Deutsche Aktieninstitut den größten Rückschlag in einem Halbjahr seit der Baisse in 2002.

Ungebrochenes Wachstum
Am Markt für derivative Wertpapiere ging dieser Negativtrend spurlos vorüber. Die Berg- und Talfahrt im Mai führte im Börsengeschäft sogar zu einem neuen Rekordumsatz von 13,9 Milliarden Euro. Erst im Juni hat die Aktivität der Anleger mit dem Beginn der Sommerferien in einigen Bundesländern und dem Start der Fussball-WM deutlich nachgelassen. Ungehindert ging es unterdessen mit dem ausstehenden Marktvolumen nach oben, das inzwischen die Marke von 100 Milliarden Euro durchbrechen konnte. Auch bei der Emissionstätigkeit zeigte sich der Trend ungebrochen. Wurde im Mai noch das Erreichen der Marke von 100.000 angebotenen Produkten registriert, konnten Ende Oktober bereits 123.000 Produkte gezählt werden. Die Eurex-Verfalltermine im März, Juni und September sorgten zwar für zwischenzeitliche Rückgänge, börsentäglich kommen aktuell jedoch über 800 neue Wertpapiere auf den Markt.

Geschützter Aufbau von Vermögenswerten
Der Schlüssel zu diesem Wachstum waren überzeugende Konzepte zum geschützten Aufbau von Vermögenswerten. Börsenerfolg ist mit Anlagezertifikaten planbarer und das Risiko beim Börseninvestment kalkulierbarer geworden. Neben der klassischen Portfolioabsicherung ist vor allem der Diversifikationseffekt hervorzuheben. Im Ergebnis können die Investoren sicherere Renditen erzielen und einen langfristigen Vermögensaufbau erreichen. Insbesondere für Privatanleger wurden mit Zertifikaten neue Handlungsmöglichkeiten erschlossen. Strategien oder Märkte, die früher Profis vorbehalten waren, stehen Zertifikateanlegern heute für den Aufbau eines maßgeschneiderten Chance/Risiko-Profils zur Verfügung. Dabei nimmt die Branche Rücksicht auf kleine Geldbeträge und bietet immer häufiger Zertifikate auch in Form von Sparplänen an.

Investoren haben dazugelernt
Erfreulich für die Anbieter von Anlagezertifikaten ist die Tatsache, dass die Investoren gelernt haben, sich die Eigenheiten der verschiedenen Anlageklassen zu Nutze zu machen. Parallel zum Anstieg der Volatilitäten an den Kapitalmärkten im Mai/Juni beobachteten die Emissionshäuser eine Nachfragesteigerung bei Discount-Zertifikaten, Wertpapieren also, die bei hoher Volatilität einen größeren Preisabschlag zu ihrem Basiswert besitzen. Vor allem auf Kosten der lange dominierenden Index-Zertifikate und zu Ungunsten der Bonus-Zertifikate schnellten die Rabattpapiere im Frühjahr auf bis zu 27 Prozent Marktanteil an den Anlagezertifikaten hoch. Gemeinsam mit der ab Juli einsetzenden Erholung der Märkte haben sich die Bonus-Zertifikate ihren Platz an der Sonne aber wieder zurückerobert. Der Schutzeffekt der auch bei etwas rückläufigen Kursen fälligen Bonusrendite wird insbesondere in Zeiten ansteigender Aktiennotierungen von den Investoren geschätzt. Eine Studie des Deutschen Derivate Instituts für das hervorragende Aktienjahr 2005 hat zudem gezeigt, dass Bonus-Zertifikate attraktive Renditen erbringen konnten, die sich mit den Renditen der Basiswerte trotz des Dividendenverzichts messen können.

Vertrieb gewinnt an Bedeutung
Längst ist der Zertifikatemarkt in eine Größenordnung hineingewachsen, die größere Steigerungen des ausstehenden Volumens nur noch über einen gut funktionierenden Vertrieb ermöglichen. Immer häufiger werden Zertifikate im Filialgeschäft als Alternative zu Aktien- oder Fondsinvestments angeboten. Auch Fondsgesellschaften haben hier eine Chance erkannt und Fonds an den Markt gebracht, die in Anlagezertifikaten investieren. Begleiterscheinung der zunehmenden Vertriebsanstrengungen sind andererseits steigende Kostenbelastungen für die Investoren, da der Vertrieb auch bezahlt werden will.

Positive Entwicklung setzt sich fort
Die Anbieter verbriefter Derivate durften sich bisher über einen guten Jahresverlauf mit satten Steigerungsraten freuen. Auch dem weiteren Erfolg des Marktes scheinen derzeit keine Grenzen gesetzt. Daran sollten auch die Einführung einer Abgeltungssteuer in 2009 oder die anstehende Umsetzung der MiFID-Richtlinie nichts ändern. Deutschlands Privatanleger haben gerade erst begonnen, Zertifikate als Anlageinstrument zu entdecken.

 

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