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Angst vor Kreditkrise zwingt Notenbanken zum Eingreifen

Frankfurt/Singapur, 10.08.2007 16:17 Uhr (reuters)

Rund um den Globus haben die Notenbanken kurz vor dem Wochenende Milliardensummen in das Bankensystem gepumpt, um die tief verunsicherten Anleger zu beruhigen.

Die weltweite Angst vor einer Verschärfung der Kreditkrise veranlasste die Europäische Zentralbank (EZB), die US-Notenbank sowie die Währungshüter in Tokio und Sydney zu zusätzlichen Liquiditätsspritzen. Sie wollen damit einem starken Anstieg der Zinssätze am Geldmarkt entgegentreten, der eine Versorgung der Finanzinstitute mit frischem Geld erheblich verteuern würde. Die Anleger an den Aktienmärkten konnten die Zentralbanken indes am Freitag nicht besänftigen: Die Kurse sackten in Europa und Asien deutlich ab. Bereits am Donnerstag hatte auch die Wall Street hohe Verluste verzeichnet.

24 Stunden nachdem die EZB dem Finanzsystem bereits eine Rekordsumme von knapp 95 Milliarden Euro für einen Tag zum Zinssatz von vier Prozent bereit gestellt hatte, legte sie am Freitag nach. Sie stellte dem Euro-Geldmarkt mittels eines Schnelltender genannten Zuteilungsverfahrens über das Wochenende weitere 61,05 Milliarden Euro zur Verfügung. Da die Summe des Vortags indes am Freitag zurückgezahlt werden musste, ergibt sich unter dem Strich ein Liquiditätsentzug von knapp 34 Milliarden Euro, was auf eine allmähliche Stabilisierung der Lage am Geldmarkt hindeutet. Es ist dennoch das erste Mal seit der Krise nach den Anschlägen vom 11. September 2001, dass sich die Hüter des Euro zu solch drastischen Schritten entschlossen.

Der Auslöser für die jüngste Nervosität an den Märkten kam aus Frankreich: Am Donnerstag hatte die Großbank BNP Paribas in Folge der US-Hypothekenkrise drei Fonds über 1,6 Milliarden Euro nach massiven Wertverlusten eingefroren. Damit sind vorerst keine Ein- und Auszahlungen mehr möglich. Auch die deutsche Privatbank Sal. Oppenheim sah sich gezwungen, einen Fonds mit einem Volumen von 750 Millionen Euro zu schließen. Anleger fürchten, dass sich die am US-Markt für schlechter besicherte Hypothekenkredite begonnene Liquiditätskrise auf andere Bereiche ausdehnen und die Banken in Finanzierungsnöte bringen könnte.

Vertreter der US-Notenbank versuchten, derartigen Befürchtungen entgegenzutreten. Die Probleme beschränkten sich ausschließllich auf den Markt für zweitklassige Hypothekenkredite, sagte der Präsident der Fed von Minneapolis, Gary Stern. "Das Ausmaß ist also nicht sehr groß", betonte er. Dennoch pumpte auch die US-Notenbank am Donnerstag rund 24 Milliarden Dollar und damit soviel wie seit knapp vier Monaten nicht mehr an einem einzelnen Tag in den Markt. Auch die kanadische Notenbank führte den Märkten mehr Geld zu als üblich. Die Kanadier betonten, sie seien in Gesprächen mit anderen Notenbanken über die Liquiditätssituation der Märkte. Die Fed und die EZB wollten sich dazu aber nicht äußern.

Kein Ende der Krise in Sicht

"Was die Zentralbanken hier tun, ist ein konzertierter Versuch, ausreichen Liquidität zuzuführen", sagte Jimmy Koh, Währungsstratege bei der United Overseas Bank. "Das Besorgniserregende daran ist, dass sie dies tun, wenn die Märkte nicht so funktionieren, wie sie sollten." Auch die Zentralbanken von Japan und Australien pumpten am Freitag mit 8,45 Milliarden Dollar beziehungsweise 4,2 Milliarden Dollar mehr Geld in den Markt als an anderen Tagen. Die Geldmärkten in Europa, USA und Asien beruhigten sich nach diesen Maßnahmen auch wieder, aber Aktienanleger zeigten sich weiter besorgt. "Alle bauen ihr Risiko ab", fasste Kursmakler Dirk Müller vom Brokerhaus IFC die Lage zusammen. Einige Analysten sagten, die Hypothekenkrise werde sich in den kommenden Wochen wohl noch verschärfen, was die Märkte stark verunsichere.

In einigen asiatischen Ländern sahen sich die Notenbanken wegen der Krise gezwungen, am Devisenmarkt zu intervenieren, um die eigenen Währungen zu stützen. So verkauften die Zentralbanken auf den Philippinen, in Malysia und Indonesien massiv Dollar-Reserven. Zuvor hatten sich Investoren aus riskanten Anlagen zurückgezogen und damit die Landeswährungen unter Druck gebracht. Nach den Interventionen stabilisierten sich die Kurse wieder. Die Bank of Korea kündigte dagegen an, nicht am Devisenmarkt eingreifen zu wollen, was die Talfahrt der Landeswährung Won beschleunigte. Die Zentralbank kündigte aber an, die Märkte jederzeit mit zusätzlicher Liquidität zu versorgen, falls sich die Krise verschlimmere. Ähnlich äußerten sich die Währungshüter in Singapur.

 

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