Köln, 20.09.2007 13:37 Uhr (FS)
Arbeitslosigkeit, Preisverfall, Naturkatastrophen, Terror oder Krankheit - welche Sorgen bewegen die Menschen in Deutschland? Aufschluss gibt die Langzeitstudie "Die Ängste der Deutschen", die das Infocenter der R+V Versicherung seit 1991 jährlich in Auftrag gibt. Rund 2.400 Menschen ab 14 Jahren geben dabei Auskunft über persönliche Ängste, aber auch über Sorgen, die sie sich um Gesellschaft, Wirtschaft und Politik machen.
„Der Wirtschaftsaufschwung stimmt die Deutschen zuversichtlich. Seit dem vergangenen Jahr sind die wirtschaftlichen Sorgen am stärksten gesunken, vor allem in den neuen Bundesländern“, berichtet Rita Jakli, Leiterin des R+V-Infocenters.
Im Westen zeigt sich allerdings eine neue Entwicklung: Die Angst vor Naturkatastrophen hat kräftig zugenommen. Angesichts verheerender Stürme, Dürre und Überschwemmungen ist dieses Thema im Gesamtranking aller 16 Ängste sogar von Platz 6 auf Platz 2 vorgerückt – 59 Prozent aller Deutschen fühlen sich von Naturkatastrophen bedroht. Übertroffen wird diese Angst nur von der Sorge um steigende Lebenshaltungskosten (66 Prozent). Seit Einführung des Euro im Jahr 2002 beschäftigt dieses Thema die Deutschen am meisten.
Mit Platz 3 und 4 im Gesamtranking haben die persönlichen Sorgen an Bedeutung gewonnen: Jeder zweite Bundesbürger befürchtet, im Alter pflegebedürftig zu werden oder schwer zu erkranken. Und auch die Furcht vor Terror steigt wieder an: Mit plus neun Prozentpunkten hat diese Angst 2007 in Deutschland am stärksten zugenommen.
Zum 17. Mal hat das R+V-Infocenter 2007 in einer repräsentativen Studie rund 2.400 Bürger in Deutschland nach ihren größten Ängsten befragt. Ergebnis:
Die Ängste sind gegenüber dem Vorjahr insgesamt leicht gesunken. Die wirtschaftliche Großwetterlage wirkt sich offensichtlich auch auf das Angstniveau der Deutschen aus: Wenn die Konjunktur steigt, sinken die wirtschaftlichen Sorgen. Die Ängste in Ost und West liegen erstmals fast auf gleichem Niveau – jedoch kennzeichnen völlig unterschiedliche Entwicklungen diesen Annäherungsprozess.
Im Osten deutlicher Rückgang der wirtschaftlichen Ängste
Die Bürger in den neuen Bundesländern machen sich viel weniger Sorgen um die wirtschaftliche Lage als im Vorjahr. So sinkt im Osten die Angst vor einem Anstieg der Arbeitslosenquote um 23 Prozentpunkte, vor der Verschlechterung der Wirtschaftslage um 19 Prozentpunkte. Auch der Spitzenreiter Lebenshaltungskosten ging um neun Prozentpunkte zurück, bleibt allerdings mit 73 Prozent auf hohem Niveau. Trotz dieses deutlichen Rückgangs erreichen die wirtschaftlichen Ängste hier höhere Werte als im Westen.
Insgesamt betrachtet sind im Osten jedoch erstmals alle Ängste gesunken. Nur noch 45 Prozent der Bürger in den neuen Bundesländern machen sich große Sorgen um ihre Zukunft (2006: 55 Prozent). „In den neuen Bundesländern sind die wirtschaftlichen Sorgen nach wie vor groß. Doch Konjunkturaufschwung und besseres Wirtschaftsklima haben dort die Wirtschaftsängste spürbar vermindert“, erklärt Professor Dr. Manfred Schmidt, Politologe an der Universität Heidelberg und Berater des R+V-Infocenters.
Im Westen steigt Furcht vor Naturkatastrophen und Terroranschlägen
Im Westen zeigt sich ein anderer Trend: Die Sorgen um die Umwelt sowie die Furcht vor Terroranschlägen rücken in den Fokus. Aufgestiegen auf Platz 2 ist die Angst vor Naturkatastrophen mit 60 Prozent (plus 9 Prozentpunkte). Am stärksten zugenommen hat im Westen die Furcht vor Terroranschlägen (plus 11 Prozentpunkte). Dieses Problem beschäftigt heute über die Hälfte aller Bürger im Westen. Dagegen ist die Furcht vor einer steigenden Arbeitslosenquote mit 44 Prozent (2006: 59 Prozent) von Platz 3 auf Platz 9 abgerutscht. Und nur noch 47 Prozent der Bürger im Westen machen sich große Sorgen um die Konjunktur (2006: 58 Prozent). „Der Sorgenhaushalt der Bevölkerung hängt mit der Konjunktur und der wirtschaftlichen Lage des Einzelnen zusammen. Geht es mit der Konjunktur aufwärts, nehmen die Wirtschaftsängste ab. Das gilt für alle Bundesländer“, meint Politologe Schmidt. „Doch anders als bei den Menschen im Osten der Republik kommen im Westen viel größere Sorgen um die Umwelt hinzu. Die Ursache: ‚Grüne Themen’ haben hier seit den 1980er Jahren ein großes politisches Gewicht und sind im Wertehaushalt der Bürger viel wichtiger als im Osten Deutschlands.“
Mit dem Anziehen der Konjunktur und dem Rückgang der wirtschaftlichen Ängste in Ost und West geht auch eine bessere Beurteilung der Politiker einher: Nur noch rund die Hälfte der Bundesbürger fürchtet, die Volksvertreter seien mit ihrer Aufgabe überfordert. 2006 waren es noch 63 Prozent, die sich über die Politiker beklagten.
Schlechte Schulnoten für Politiker
Das bedeutet aber nicht, dass die Bürger ihren Politikern ein gutes Zeugnis ausstellen. Zum ersten Mal konnten die Befragten den Politikern für ihre Arbeit eine Schulnote geben. Fast jeder zweite bewertet die Arbeit der Volksvertreter mit mangelhaft oder ungenügend. Lediglich vier Prozent der Bevölkerung ist der Meinung, dass die Politiker die Note „gut“ verdienen. Im Durchschnitt erhalten sie die Note 4,4.
Soziale Sorgen nehmen zu
Weit oben rangieren 2007 die persönlichen Sorgen. Auf den Plätzen 3 und 4 stehen die Ängste, später pflegebedürftig zu werden (53 Prozent) und schwer zu erkranken (51 Prozent). „Hier kommt die Sozialpolitik ins Spiel“, meint der Politikwissenschaftler Schmidt. „Lange Zeit haben die Deutschen erwartet, dass der Staat sich mit seiner Sozialpolitik ihrer Sorgen annimmt. Darüber haben sie die Eigenvorsorge vernachlässigt. Jetzt registrieren die Bürger jedoch, dass die Sozialpolitik keine Rundumversorgung leisten kann und sie befürchten zu Recht finanzielle Einschränkungen im Alter und im Pflegefall.“
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