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Umverteilung: Besserverdienende zahlen die Zeche

Köln, 15.11.2007 11:12 Uhr (redaktion)

Allem Gerede von einer Umverteilung von unten nach oben zum Trotz: Tatsächlich finanzieren in Deutschland die höheren Einkommen den Sozialstaat. So trägt das obere Drittel der Haushalte 62 Prozent der Finanzierungslast. Umgekehrt erhält das einkommensschwächste Drittel fast 60 Prozent aller Transferzahlungen und zahlt nur 5 Prozent aller Steuern und Sozialabgaben. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, die auch noch mit einer Reihe weiterer Vorurteile aufräumt.

In Deutschland greift Vater Staat auf vielfältige Weise in die Einkommensverteilung der Bürger ein. Einerseits unterstützt er beispielsweise Bedürftige mit Sozialhilfe oder Wohngeld, zahlt Kindergeld, Renten oder Arbeitslosengeld. Andererseits muss er all diese Transfers finanzieren – durch Steuern und Sozialabgaben. Und damit es dabei auch gerecht zugeht, sind diese an die Höhe des Einkommens gekoppelt. Da der Steuertarif in der Einkommenssteuer progressiv gestaltet ist, muss von jedem zusätzlich verdienten Euro sogar ein größerer Anteil ans Finanzamt überwiesen werden.

Dass der Staat überhaupt Umverteilungspolitik betreibt, ist kaum umstritten. Wie er es dagegen tut, sehr wohl. Und auch aktuell gibt es – ausgelöst durch das Hin und Her um verlängerte Bezugszeiten beim Arbeitslosengeld – wieder reichlich Debatten darüber, ob der Sozialstaat gerecht finanziert wird, die „Geringverdiener“ also genug bekommen und die „Spitzeneinkommen“ genug zahlen. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hat sich deshalb einmal die Mühe gemacht zu untersuchen, wer in Deutschland tatsächlich von der staatlichen Umverteilung profitiert und wer sie finanziert.

Als Basis dafür dienten Daten des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2003 zu den Einkommensquellen und Abgabenlasten von knapp 43.000 Haushalten (Kasten). Diese wurden nach ihrem Markteinkommen in zehn gleich große Gruppen eingeteilt, um „unten“ und „oben“ abzugrenzen. Die auf dieser Grundlage berechneten Zahlen zeigen, dass einige in der öffentlichen Diskussion sich hartnäckig haltende Behauptungen in die Mottenkiste gehören:

Vorurteil 1: Der Sozialstaat verteilt von unten nach oben um
Das genaue Gegenteil ist der Fall.

Chart Umverteilung
Chart Umverteilung (Zum vergrößern bitte auf das Bild klicken)


 

Die 10 Prozent der Haushalte mit den höchsten Einkommen – im Schnitt sind es mehr als 10.100 Euro im Monat – zahlten auch am meisten Einkommenssteuer und Sozialabgaben – nämlich 4.450 Euro.


 

Und wenn man die Einkommensschichtung näher betrachtet, so zeigt sich, dass die Haushalte mit zunehmenden Einkommen nicht nur immer mehr in die Kassen des Sozialstaats abführen. Auch mit Blick auf die staatlichen Geldtransfers kann von einer Umverteilung von unten nach oben beim besten Willen nicht die Rede sein. Denn mit steigenden Einkommen gibt es in den höheren Verdienstkategorien auch immer weniger von Vater Staat. In der Summe greifen die Starken somit den Schwachen unter die Arme.

Chart Sozialstaat
Chart Sozialstaat (Zum vergrößern bitte auf das Bild klicken)


 

So zahlen die drei Zehntel der einkommensstärksten Haushalte 61,9 Prozent aller Steuern und Abgaben und erhalten 10,7 Prozent aller Transfers, während die drei Zehntel der einkommensschwächsten Haushalte lediglich 5,3 Prozent der Abgabenlast schultern, aber 59,3 Prozent aller Transfers beziehen.


 

Vorurteil 2: Die Beitragsbemessungsgrenze in den Sozialversicherungen entlastet die Besserverdiener
Auch dem ist zumindest auf Haushaltsebene nicht so. Zwar müssen Sozialabgaben nur bis zu bestimmten Einkommensgrenzen entrichtet werden, wodurch höhere Einkommen tendenziell entlastet werden. Allerdings tragen in besser verdienenden Haushalten oft mehrere Personen zum gesamten Einkommen bei: Im obersten Zehntel stehen im Schnitt pro Haushalt zwei Personen in Lohn und Brot, im untersten sind es dagegen nur 1,1 Personen.

Für jedes Einkommen zählen die Abgabengrenzen aber gesondert, so dass Haushalte mit mehreren Verdienern mehrmals zur Kasse gebeten werden. Deshalb sinkt auch in den Haushalten der höheren Einkommensklassen die Sozialabgabenlast nicht, selbst wenn die Beitragsbemessungsgrenze erreicht ist.

Vorurteil 3: Im Mittelstand wird von der linken in die rechte Tasche umverteilt.
Diese Behauptung, wonach der Staat den mittleren Einkommensklassen auf der einen Seite nimmt, was er ihnen auf der anderen zusteckt, entkräftet die Untersuchung zumindest tendenziell. Denn wenn dem so wäre, müssten in diesen Bereichen sowohl Abgaben als auch Transfers relativ gesehen höher ausfallen. Dies ist aber nicht der Fall.

Vorurteil 4: Wer mehr verdient, profitiert von Steuerschlupflöchern.
Auch diese Ansicht gehört zum alten Eisen. Mit steigendem Einkommen nimmt die Einkommenssteuerlast überproportional zu – das geht besonders zu Lasten der Portemonnaies besser verdienender Haushalte.


 

Berappen die einkommensstärksten 10 Prozent der Haushalte fast zwei Fünftel des Einkommenssteueraufkommens, so ist es beim am zweitbesten verdienenden Zehntel nur noch etwa ein Fünftel.


 

Eine weitere oft geäußerte These bedarf nach den Ergebnissen der IW-Studie zumindest einer näheren Untersuchung. Denn die Aussage, die staatliche Umverteilung führe systematisch zu falschen Arbeitsanreizen, ist so pauschal nicht zu halten. Klammert man die Rentnerhaushalte aus – durch die die Transfers in den unteren Einkommensklassen beeinflusst werden –, so bleibt den Menschen auch in diesen Bereichen mit zunehmenden Verdiensten mehr von ihrer Arbeit. Das schließt allerdings nicht aus, dass es in einzelnen Systemen wie der Sozialhilfe negative Arbeitsanreize gibt, sich also die Aufnahme einer Beschäftigung nicht lohnt.

 

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