Berlin, 28.11.2007 16:21 Uhr (redaktion)
Statement vom DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. Ein Drittel der Unternehmen kann offene Stellen zumindest teilweise nicht besetzen. Das sind doppelt so viele wie im Herbst 2005. Deutschland gehen dabei vor allem Techniker aus: Vom Mechatroniker über den Industriemeister bis hin zum Ingenieur – also die gesamte Bandbreite der technischen Qualifikationen.
Auf Basis unserer Umfrageergebnisse schätzt der DIHK, dass der Wirtschaft derzeit – auf das Gesamtjahr 2007 gerechnet – rund 400.000 Fachkräfte fehlen. Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens: 23 Milliarden Euro Wertschöpfungsverzicht bedeuten in diesem Jahr rein rechnerisch einen Wachstumsverlust von einem Prozentpunkt. Auch im EU-Wettbewerb um die besten Fach- und Führungskräfte gerät Deutschland zunehmend ins Hintertreffen. Das können wir uns nicht leisten: Denn der Aufbau von Produktionsstätten, die Investition in Arbeitsplätze lohnen sich immer weniger, wenn qualifiziertes Personal fehlt.
Die DIHK-Umfrage bei 20.000 Unternehmen zeigt auch: Vom Fachkräftemangel besonders betroffen sind exportstarke Industriezweige. So haben zum Beispiel im Maschinenbau nahezu zwei Drittel der Betriebe Schwierigkeiten, geeignete Kandidaten für ihre offenen Stellen zu finden. Im Bereich der Medizin- und Elektrotechnik, im Kraftfahrzeugbau und in der Pharmazie sind die Probleme der Unternehmen kaum geringer. Da die Fachkräfteengpässe im ausfuhrorientierten Verarbeitenden Gewerbe besonders ausgeprägt sind, ist der Fachkräftemangel derzeit eine zentrale Wachstumsbremse in Deutschland. Denn die aktuelle Konjunktur wird gerade von den Erfolgen unserer Exportindustrie getragen. Neben den Exportunternehmen klagen aber auch viele binnenorientierte Betriebe – allen voran aus der Dienstleistungswirtschaft (zum Beispiel die Sicherheitswirtschaft, Reinigungsdienste sowie besonders die Zeitarbeit) – über Probleme bei der Stellenbesetzung. Die Binnenkonjunktur kann aber nicht in Gang kommen, wenn diese arbeitsintensiven Wirtschaftssparten nicht einstellen können. Denn eines ist klar: Nur Beschäftigung schafft Wachstum!
Die Dimension des aktuellen Mangels an technisch versierten Fachleuten wird unterstrichen, wenn man sich die Unternehmen, die Fachkräftemangel beklagen, genauer ansieht: 54 Prozent dieser Betriebe beklagen Engpässe an technisch versierten Fachkräften und Ingenieuren. Nahezu jeder Metallerzeuger und -bearbeiter, knapp 95 Prozent der Maschinenbauer und 90 Prozent der Fahrzeugbauer suchen vergeblich nach Ingenieuren oder Fachleuten aus technischen Berufen.
Generell gilt: Fachkräftemangel ist nicht auf ein bestimmtes Qualifikationsniveau der Kandidaten – wie zum Beispiel Akademiker – beschränkt. Es fehlen Fachkräfte aller Qualifikationsniveaus – und zwar von dual ausgebildeten Fachkräften bis hin zu promovierten Forschern.
Im Einzelnen
43 Prozent der Unternehmen, die derzeit Stellenbesetzungsschwierigkeiten haben, suchen vergeblich nach Bewerbern mit dualem Ausbildungsabschluss. Fachleute, die ihre duale Ausbildung um einen Weiterbildungsabschluss – wie zum Beispiel einen Meister oder Fachwirt – ergänzt haben, werden von 35 Prozent dieser Betriebe gesucht und sind somit ebenso begehrt und knapp wie Akademiker vergleichbarer Kompetenzniveaus (Bachelor- oder Fachhochschulabsolventen). Bei hochqualifizierten Akademikern – mithin Absolventen mit einem Master oder einem Diplom – gelingt es rund einem Viertel der Unternehmen mit Stellenbesetzungsproblemen nicht, ausreichend passende Bewerber für offene Stellen zu finden. Dabei darf das quantitative Ausmaß fehlender Akademiker nicht unterschätzt werden. Denn es sind besonders viele größere Unternehmen (mit mehr als 1.000 Beschäftigten), die über Fachkräftemangel klagen und vergeblich nach Universitätsabsolventen suchen. Zudem fehlen in wichtigen, innovativen Branchen – wie der Pharmazie, der IT-Branche und der Elektrotechnik – vergleichsweise viele Akademiker, vor allem mit technisch-naturwissenschaftlichem Abschluss.
Um Fachkräftemangel zu begegnen, helfen sich die Unternehmen zu einem großen Teil selbst. Dies belegen nicht zuletzt die guten Ausbildungszahlen: In diesem Jahr ist bei den neu abgeschlossenen IHK-Ausbildungsverträgen bereits ein Zuwachs von knapp zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen. Der Ausbildungspakt ist damit erfolgreich wie nie zuvor – und weiterhin notwendig. Die Umfrageresultate weisen darauf hin, dass sich dieser positive Trend fortsetzen dürfte: Knapp 60 Prozent der Unternehmen wollen Fachkräftemangel begegnen, indem sie in Zukunft vermehrt selbst ausbilden. Über die Hälfte der Betriebe will als Reaktion auf zukünftigen Fachkräftemangel ihr Engagement in der Weiterbildung vergrößern.
Bemerkenswert ist auch
Knapp 30 Prozent der Unternehmen – und damit doppelt so viele wie im Herbst 2005 – geben an, noch intensiver als bisher den Erfahrungsschatz älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nutzen zu wollen. Seit dem Jahr 2000 ist die Beschäftigungsquote der über 55-Jährigen um mehr als 10 Prozentpunkte angestiegen und liegt inzwischen bei über 50 Prozent. Dieses an sich für 2010 gesetzte Lissabon-Ziel hat Deutschland demnach schon heute erreicht. Nach unseren Umfrageergebnissen spricht einiges dafür, dass sich die gute Entwicklung bei der Beschäftigung Älterer fortsetzen dürfte. Insofern hat hier bereits ein struktureller Wandel stattgefunden: Immer mehr Unternehmen haben begriffen, dass die Frühverrentung der Vergangenheit angehört – und gehen wieder verstärkt auf ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu. Die Politik muss diese positive Entwicklung unterstützen. Die beschlossene Verlängerung des Arbeitslosengeldbezugs für Ältere passt insofern nicht ins Bild.
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter zu verbessern sowie auf Fachkräfte aus dem Ausland zu setzen, steht – auch das zeigt unsere Umfrage – ebenfalls auf der Agenda der Betriebe. Wichtig dabei ist, dass die Kinderbetreuung für unter 3-Jährige nicht nur zügig ausgebaut, sondern – insbesondere was die Öffnungszeiten der Betreuungseinrichtungen anbelangt – flexibilisiert und an die Lebenswirklichkeit der Eltern angepasst wird.
Was die rechtlichen Möglichkeiten der Ausländerbeschäftigung anbelangt, fehlt es an gesetzgeberischen Maßnahmen, die vor allem kleinen und mittleren Unternehmen in der Praxis mehr Spielraum geben: So ist zum Beispiel die im Gesetz bei der Niederlassungserlaubnis Hochqualifizierter genannte Einkommensgrenze von 85.500,- Euro jährlich gerade für den Mittelstand eine viel zu hohe Hürde. Längst überfällig ist es zudem, den Arbeitsmarkt mindestens für mittelund osteuropäische EU-Arbeitnehmer mit Hochschulabschluss zu öffnen. Mit der nahezu unveränderten Fortführung der so genannten Übergangsregelungen gegenüber den 2004 beigetretenen EU-Mitgliedern hat sich Deutschland innerhalb der EU15 zunehmend und zum eigenen Schaden isoliert.
Demografiebedingt dürften die Schwierigkeiten der Unternehmen bei der Stellenbesetzung bald spürbar wachsen: Schon heute stehen 970.000 Schulabgängern nur rund 800.000 Erstklässler gegenüber. Hier fehlt fast der ganze aktuelle Erstklässlerbestand Nordrhein-Westfalens (190.000). Angesichts dieser Zahlen wird deutlich, dass wir alles daran setzen müssen, die Wenigen, die wir haben, besser auszubilden und zu qualifizieren.
Alles in allem muss sich Deutschland dem internationalen Wettstreit um qualifizierte Fachkräfte offensiver als bisher stellen. Das heißt: Wir brauchen eine Gesamtstrategie, um sowohl für die inländischen Erwerbstätigen als auch für ausländische Fachleute ein einladender und attraktiver Standort sein. Denn schon längst gilt: Gut ausgebildete Spezialisten suchen sich ihren Arbeitsort europa- und weltweit – und dabei ist Deutschland nicht automatisch die erste Wahl.
» Zur Startseite von Finanzen Markt & Meinungen