Frankfurt/Main, 21.01.2008 14:56 Uhr (FS)
Haben Anleger einen guten Riecher? Im zweiten Halbjahr 2007 besaßen in Deutschland nur noch 3,8 Mio. Anleger bzw. 5,8 Prozent der Bevölkerung Aktien. Gegenüber dem ersten Halbjahr bedeutet dies einen Rückgang um 571.000 bzw. 13,2 Prozent.
Sicherlich sind Gründe u.a. die Geldanlage in z.b. Zertifikate, die zwar auch in Indizes wie den DAX oder einzelne Aktienwerte investieren - jedoch mit einem geringeren Risiko bei starken Kursschwankungen. In anderen Ländern herrscht eine höhere Aktienkultur und somit mehr Kapitalverlust bei kurzzeitigen Börsentalfahrten. Vor diesem Hintergrund können wir in Deutschland etwas ruhiger schlafen. Dem privaten Komsum wird die heutige Kursentwicklung wenig anhaben. Zudem prägt unsere Wirtschaftspower der Mittelstand - und der ist zu einem sehr großen Anteil nicht an der Börse handelbar. Große Abverkäufe haben wohl Hedge-Fonds angezettelt. Sie wollen das ihnen anvertraute Kapital "schützen" und den Renditeversprechungen genüge tun.
Marktgeschehen
"Rette sich, wer kann", heiße die Devise, fasst Helaba-Marktanalyst Mirko Pillep zusammen. "Alles wird rausgeworfen. Die Nerven liegen blank."
Der Deutsche Aktienindex (Dax) - das Kursbarometer für die 30 deutschen Top-Aktien - stürzte bis zum frühen Nachmittag um 7,5 Prozent auf 6762 Punkte ab. Das ist der größte Kurseinbruch seit den Anschlägen vom 11. September 2001, als der Dax 8,5 Prozent verloren hatte. Einige Börsianer sprachen von einem "schwarzen Montag". Noch am ersten Handelstag des neuen Jahres hatte der Dax 8100 Punkte erreicht. Seitdem verlor der Leitindex 16,5 Prozent.
"Das hat crashartige Züge", stellt ICF-Händler Dirk Müller denn auch fest. Von einem Börsenkrach oder Crash sprechen Börsianer aber erst ab einem Kurssturz von über zehn Prozent. Mit 252 Millionen gehandelten Aktien bis zum frühen Nachmittag war das Handelsvolumen extrem hoch. Der Umsatz belief sich auf rund zwölf Milliarden Euro. Zum Vergleich: am vergangenen Mittwoch entsprach das dem Umsatz eines ganzen Börsentages.
"Das ist wie ein Schneeballsystem. Fallende Kurse ziehen fallende Kurse nach sich", sagt Boris Boehm, Fondsmanager bei der Nordinvest. "Die Börse neigt zur Übertreibung - erst war die Gier, die die Kurse auf ein Rekordniveau getrieben hat, jetzt sehen wir die Angst", beschreibt Fondsmanager Dennis Nacken von Allianz Global Investors die Lage. Da die US-Börsen am Montag wegen eines Feiertages geschlossen bleiben, hätten viele Anleger Angst vor dem nächsten Tag, erklärte ein Händler.
Börsianer vermuten, dass vor allem die amerikanischen Investoren angesichts der Subprime-Krise die Flucht aus Europa angetreten sind. "Dafür spricht, dass der Euro mit den europäischen Indizes fällt", erklärt Pillep. Börsianer klagten, dass es kaum Käufer gebe. "Niemand hält dagegen, es sieht fast so aus, als wollte überhaupt niemand mehr Aktien haben", klagt ein Händler. "Keiner will in eine fallendes Messer greifen", sagte ICF-Händler Müller.
Die Kursabschläge gingen quer durch alle Branchen und trafen auch Aktien von Unternehmen, die sonst gerne als sicherer Hafen gesehen werden - wie die Versorger. E.ON- Aktien verloren bis zu 9,6 Prozent auf 131,77 Euro, RWE bis zu neun Prozent auf 85,26 Euro.
Die größten Verluste wiesen aber die Finanztitel auf, die von der Krise am US-Immobilienmarkt am ärgsten betroffen sind. Die US-Investmentbank Bear Stearns verdoppelte am Montag ihre Prognose für Abschreibungen der Commerzbank im Zusammenhang mit der US-Hypothekenkrise. Commerzbank-Aktien verloren bis zu sieben Prozent. Auch die Titel der Deutschen Bank und der Postbank brachen um je bis zu acht Prozent ein. Die Aktien des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate - sie waren in der vorigen Woche schon nach überraschenden Abschreibungen um über 30 Prozent gefallen - verloren nochmals bis zu 11,5 Prozent.
Noch heftiger traf es die Deutsche Börse, den Favoriten des Börsenjahres 2007, deren Aktien um bis zu 12,8 Prozent abstürzten. "Da machen die Anleger einfach Kasse", sagte ein Händler. Eine Ausnahme bildeten die Papiere des Chipherstellers Infineon, die sich am Vormittag mit einem Plus von bis zu drei Prozent gegen den Trend stemmen konnten, am Nachmittag aber ebenfalls ins Minus drehten. Die Aktien des Chipherstellers waren 2007 das Schlusslicht im Dax.
Vergleichsweise geschont wurden einige Autowerte. Nach Ansicht von Händlern könnte der etwas nachgebende Euro den Autobauern beim Wettbewerb in den USA helfen. So verloren VW nur bis zu 1,5 Prozent und BMW nur knapp drei Prozent.
Einen Ausverkauf gab es auch bei den Nebenwerten. Hier traf es vor allem die Solarwerte im TecDax mit Abschlägen von mehr als zehn Prozent.
Überblick Aktienbesitz im Jahr 2007
Im Jahr 2007 besaßen durchschnittlich 10,3 Mio. Anleger Aktien oder Anteile an Aktienfonds. Dies entspricht praktisch genau dem Stand von 2006. Die Analyse der unterjährigen Entwicklung belegt jedoch eine drastische Verschlechterung insbesondere der direkten Nutzung der Aktie durch Privatanleger.
Im zweiten Halbjahr 2007 besaßen in Deutschland nur noch 3,8 Mio. Anleger bzw. 5,8 Prozent der Bevölkerung Aktien. Gegenüber dem ersten Halbjahr bedeutet dies einen Rückgang um 571.000 bzw. 13,2 Prozent. Dies ist der niedrigste Stand seit 1996.
"Der Rückgang insbesondere bei Anlegern, die direkt in Aktien anlegen, ist dramatisch", kommentierte DAI-Chef Rüdiger von Rosen die jüngsten Aktionärszahlen. "Es geht dabei nicht nur um die Nutzung der Aktie durch breite Bevölkerungskreise vor allem für die Altersvorsorge. Es geht auch um die Akzeptanz der Marktwirtschaft, die ohne direkte Beteiligung der Bevölkerung am Produktivkapital geschwächt wird."
Die Ursachen für den Rückgang der Aktionärszahlen sieht das Deutsche Aktieninstitut in den Turbulenzen am Kapitalmarkt im zweiten Halbjahr 2007, die zur Verunsicherung privater Anleger geführt hätten. Aber auch die beschlossene Abgeltungsteuer, die die Direktanlage in Aktien gegenüber der Anlage in Aktienfonds und Mischfonds diskriminiere, wirke sich negativ auf das Anlegerverhalten aus. "Die erfreulicherweise relativ stabile Zahl der Besitzer von Aktienfondsanteilen zeigt, dass die Anleger auf die neuen Steuerregelungen wie im Lehrbuch auch durch Verlagerung ihrer Ersparnisse reagieren."
Nicht nur aus wirtschaftspolitischer, sondern auch aus sozial- und vermögenspolitischer Sicht ist der anhaltende Rückgang der Zahl der Aktionäre bedenklich. Er ist auf mehrere Ursachen zurückzuführen: Zunächst haben die Anleger vor dem Hintergrund der Kursentwicklungen im zweiten Halbjahr 2007 risikoscheu agiert. Die derzeitige US-Immobilienkrise mit ihren dramatischen Auswirkungen auf eine Reihe von Banken hat die Unsicherheit der Anleger verstärkt und zu entsprechenden Reaktionen geführt.
Weiterhin dürfte die bevorstehende Einführung der Abgeltungsteuer auf Kapitalerträge zu einem Wechsel von der Direktanlage in andere Anlageformen geführt haben, denn Aktienerträge werden durch die Abgeltungsteuer wesentlich stärker belastet als Erträge anderer Anlageformen. Die verbreitete Unkenntnis über die Wirkungsweise der Abgeltungsteuer trägt zur weiteren Verunsicherung der Anleger bei.
Schließlich haben sich in den letzten Jahren Zertifikate als Anlageklasse neben Aktien und Aktienfonds etabliert. Die annähernd 300.000 Produkte werden von vielen Anleger offenkundig als Ersatz für die direkte oder indirekte Aktienanlage genutzt. Zur Zahl der Zertifikatebesitzer liegen jedoch keine vergleichbaren Statistiken vor.
Quelle: Deutsches Aktieninstitut
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