Berlin, 24.04.2008 14:56 Uhr (redaktion)
Dank guter Konjunktur wird in Deutschland endlich wieder Beschäftigung aufgebaut – auch in der Zeitarbeit. Prompt werden Stimmen laut, die nach einer gesetzlichen Eindämmung der Arbeitnehmerüberlassung rufen.
So z.B. durch Einführung einer Quote für den maximalen Anteil eingesetzter Zeitarbeitnehmer im Betrieb oder, indem diese möglichst rasch den Stammmitarbeitern des Kundenbetriebs finanziell gleichgestellt werden („equal treatment“). Zeitarbeit sei „prekär“ und werde zudem von vielen Unternehmen in überbordendem Maße „missbraucht“ – so die gängigen Vorwürfe. Der DIHK zeigt auf, warum die Kritik haltlos ist.
Zeitarbeit schafft Jobs
Im September 2007 verzeichnete die gewerbliche Zeitarbeit 671.000 Beschäftigte – fast 20% mehr als im Vorjahresmonat. Damit ist Zeitarbeit ein zentraler Beschäftigungsmotor am Standort Deutschland. Trotz dieses starken Zuwachses ist Zeitarbeit als Erwerbsform hierzulande nach wie vor die Ausnahme: Bezogen auf 40 Mio. Erwerbstätige liegt der Anteil der Zeitarbeit nur bei 1,7%, gegenüber 1,3% im Jahr 2005. Zum Vergleich: In Frankreich (2,5%), Großbritannien (2,9%) und den Niederlanden (4,4%) sind die diesbezüglichen Anteile deutlich höher.
Zeitarbeit ermöglicht Flexibilität
Mit Zeitarbeit können Betriebe kurzfristig und flexibel auf zusätzliche Aufträge reagieren, was angesichts unseres stark regulierten Arbeitsmarktes besonders wichtig ist. Insofern hilft Zeitarbeit, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und damit auch die Arbeitsplätze der Stammbelegschaft zu sichern. Eine stärkere Regulierung der Zeitarbeit würde zu einer Verlagerung von Jobs ins Ausland oder zu einer vermehrten Automatisierung führen.
Zeitarbeit baut Brücken in Arbeit
Im ersten Halbjahr 2007 wurden über zwei Drittel der neu abgeschlossenen Zeitarbeitsverhältnisse mit Personen geschlossen, die direkt zuvor keine Beschäftigung ausgeübt haben. Hinzu kommt: 30% aller Zeitarbeitskräfte werden entweder vom Kundenunternehmen übernommen oder wechseln direkt in einen anderen Job. Als eine der wenigen Branchen in Deutschland bietet die Zeitarbeit auch Geringqualifizierten – der größten Problemgruppe am Arbeitsmarkt – Perspektiven: Fast die Hälfte der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Hilfsarbeiter ist in der Zeitarbeit tätig. Weniger Zeitarbeit heißt deshalb weniger Jobs für Geringqualifizierte – und höhere Arbeitslosigkeit.
Zeitarbeit ist nicht „prekär“
Zeitarbeitsstellen sind sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse. Dabei wird Zeitarbeitnehmern auch in verleihfreien Zeiten ihr Gehalt inklusive aller Sozialleistungen weiter ausbezahlt – eine Regelung, die in Europa alles andere als selbstverständlich ist. Die Tarifbindung in der Branche liegt in Deutschland bei nahezu 100%. Das ist primär Folge der Agenda 2010, in deren Rahmen in der Zeitarbeit zwar ein de-facto-Tarifzwang eingeführt wurde, diese Beschäftigungsform aber an anderen Stellen auch zentrale Erleichterungen erfuhr (z.B. fiel die Beschränkung der Überlassungsdauer weg). Im Zuge des wachsenden Fachkräftemangels zahlen Zeitarbeitsunternehmen ihren Beschäftigten mitunter sogar höhere Stundenlöhne als die Kundenunternehmen.
Fazit: Keinen Zucker in den Tank!
Mit einer stärkeren Regulierung der Zeitarbeit würde – nach Verlängerung des Arbeitslosengeldbezugs für Ältere und Aussetzen des Riester-Faktors in der Rentenformel – eine weitere Säule der Agenda 2010 einem kurzfristigen Populismus geopfert. Die Unternehmen würden Teile ihrer Wettbewerbsfähigkeit und zahlreiche Arbeitnehmer ihre Jobperspektiven verlieren. Die Möglichkeiten der Zeitarbeit sollten daher erhalten und nicht geschmälert werden. Dazu gehört allerdings auch, in der Zeitarbeit – wie in anderen Branchen – auf die Einführung von Mindestlöhnen zu verzichten.
(Dr. Oliver Heikaus, DIHK Berlin)
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