Köln, 23.05.2008 10:48 Uhr (redaktion)
Die Mehrheit der Unternehmen in Deutschland sieht den kommenden Jahren positiv entgegen – laut Zukunftspanel des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) gehen die meisten davon aus, dass künftig am inländischen Standort alles zumindest so wie bisher läuft. Besonders optimistisch sind dabei innovative Betriebe: In neun von zehn Firmen mit reger Forschungs- und Entwicklungstätigkeit rechnet man weiterhin mit guten Geschäften.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten prägen vier maßgebliche Trends den Strukturwandel der deutschen Wirtschaft: Die fortschreitende Globalisierung, die steigende Bedeutung von Wissen, der Wandel von der Industrie- in eine Dienstleistungsgesellschaft – die sogenannte Tertiarisierung – sowie die zunehmende Differenzierung der Produkte und Rahmenbedingungen. Wie sich Unternehmen unter diesen veränderten Konditionen im Inland behaupten, untersucht das IW-Zukunftspanel. Seit 2005 befragt es regelmäßig Betriebe in Deutschland zu Themen des Strukturwandels, zuletzt insgesamt 6.600 Firmen im Jahr 2007. Die Ergebnisse lassen auf gute Zeiten hoffen (Grafik):
Zwei Fünftel der Unternehmen glauben, dass sie in den nächsten drei bis fünf Jahren am jetzigen Standort bessere Zahlen schreiben werden – und fast jedes zweite geht davon aus, dass sich nichts Gravierendes ändert.
Nur 4 Prozent der Betriebe befürchten eine Geschäftsaufgabe; immerhin 7 Prozent denken, dass sie mittelfristig ihre Aktivitäten am Standort Deutschland reduzieren müssen. Die Stimmung ist allerdings je nach Unternehmensgröße und Branche unterschiedlich:
Über die Hälfte der Firmen mit einem Umsatz von mehr als 50 Millionen Euro Umsatz schaut besonders zuversichtlich in die Zukunft, da sie Wachstumschancen sieht. Von den kleinen Unternehmen bis 1 Million Euro Umsatz erwarten nur zwei Fünftel einen Aufwärtstrend.
Ebenfalls relativ zurückhaltend ist die Industrie: Rund 38 Prozent der Betriebe gehen hier von einem Wachstum aus – im Dienstleistungsgewerbe und in der Bauwirtschaft gilt dies immerhin für gut 42 Prozent aller Firmen.
Die unterschiedlichen Zukunftsvisionen hängen offenbar davon ab, wie gut die Unternehmen mit dem Strukturwandel klarkommen und wie sie den gesamtwirtschaftlichen Trends begegnen:
Zunehmende Bedeutung von Wissen. In einer Zeit, in der es auf neue Ideen und immer schnelleren Fortschritt ankommt, haben solche Betriebe häufig die besseren Chancen, die neue Produkte bzw. Verfahren austüfteln und auf den Markt bringen. Und sie sind der Motor des technischen Fortschritts, da sich Forschung und Entwicklung (FuE) hierzulande stark in den Unternehmen konzentrieren. Doch es schlummert viel Potenzial vor sich hin (Grafik):
Zwei Drittel der befragten Firmen forschen und entwickeln nie.
Über alle Branchen hinweg gaben immerhin 15 Prozent der Befragten an, kontinuierlich FuE zu betreiben, ein Fünftel zumindest gelegentlich. Beträchtliche Unterschiede zeigen sich allerdings wieder, wenn man sich die verschiedenen Unternehmensgrößen und Branchen anschaut: Am innovativsten sind die großen Betriebe mit einem Umsatz ab 50 Millionen Euro, wo über die Hälfte mindestens gelegentlich in FuE investiert sowie die Industrieunternehmen, wo jedes Vierte beständig an neuen Ideen und Verfahren arbeitet.
Gemessen am durchschnittlichen Umsatz machen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in der Industrie etwa 3,7 Prozent aus – im Gesamtschnitt investieren die Unternehmen 3,1 Prozent ihres Umsatzes in FuE.
Schlecht angelegt ist dieses Geld dort nicht: Grob geschätzt wird – über alle Branchen und Firmengrößen hinweg – jeder vierte Euro Umsatz mit neuen Produkten und Dienstleistungen erwirtschaftet. Und obwohl viele Unternehmen nicht selbst forschen, sperren sich die meisten keineswegs gegenüber dem Fortschritt: Zwei Drittel der Betriebe haben in den vergangenen drei Jahren neue Produkte oder Verfahren eingeführt oder planen dies. Während allerdings „nur“ 63 Prozent der kleinen Firmen Neuheiten vorweisen oder ins Programm nehmen wollen, sind es fast drei Viertel der mittelgroßen und 78 Prozent der großen.
Viele dieser Betriebe haben eine Einstellung gemeinsam:
Innovatoren schauen besonders optimistisch in die Zukunft – neun von zehn dieser Firmen glauben, mittelfristig zu wachsen oder zumindest ihren Status quo am jetzigen Standort aufrechtzuerhalten.
Globalisierung. Der technische Fortschritt in den Bereichen Information und Kommunikation, Transport und Verkehr, Kapitalmarktinnovationen sowie die zunehmende Liberalisierung des Welthandels haben zu einer weltweiten Vernetzung der Märkte und zu einer neuen Dimension der internationalen Arbeitsteilung geführt. Insbesondere für Industrieunternehmen eröffnen sich durch die Globalisierung neue Absatzmärkte, kostengünstige Beschaffungsquellen und Produktionsstandorte. Doch erst wenige nutzen diese Chancen: Zwei Drittel der befragten Betriebe wickeln bisher noch keine Geschäfte im Ausland ab.
Nur knapp jedes zehnte befragte Unternehmen ist stark internationalisiert – das heißt, es produziert teilweise außerhalb der Bundesrepublik oder erwirtschaftet im Export mehr als 25 Prozent seines Umsatzes.
Allerdings hat die Tätigkeit im Ausland wenig damit zu tun, wie die Firmen ihre Situation am inländischen Standort einschätzen: Das IW-Zukunftspanel weist für die exportorientierten Betriebe in dieser Hinsicht kaum Unterschiede zu jenen auf, die nur in Deutschland selbst tätig sind.
Besonders die großen Unternehmen haben verstärkt den Schritt ins Ausland gewagt – fast doppelt so oft (61 Prozent) wie die kleinen (33 Prozent) tummeln sie sich auf ausländischen Märkten. Konzerne, die auch jenseits der deutschen Grenzen produzieren, fahren dadurch im Schnitt jeden zehnten Umsatz-Euro ein.
In der Industrie ist immerhin jede zweite Firma entweder über den Verkauf, die Fertigung oder andere Tätigkeiten grenzüberschreitend aktiv. Knapp ein Fünftel der Industrieunternehmen produziert im Ausland oder erzielt dort mindestens ein Viertel seines Umsatzes.
Gemessen am Umsatz macht die Auslandsproduktion in der Industrie im Durchschnitt ungefähr 5,2 Prozent aus.
In der Gruppe der befragten Dienstleister und Baufirmen sind es 6 Prozent. Hier schlagen besonders die vielen Auslandsgeschäfte der Logistikbranche zu Buche.
Die hiesigen Unternehmen profitieren also von der Globalisierung – diese ist jedoch keine Einbahnstraße, da sie auch den Wettbewerbsdruck für die Firmen erhöht. So haben neue Anbieter aus Schwellenländern technologisch aufgeholt und bieten heute arbeitsintensive Industrieprodukte kostengünstiger an als Betriebe in Westeuropa. Das schafft Probleme hierzulande:
Drei Viertel der Industrieunternehmen meinen, dass der höhere Preisdruck ihre Absatzzahlen verringert.
Auch Niedriglöhne bereiten Kopfschmerzen: Fast die Hälfte der Firmen macht sich ob der günstigen Kostensituation ausländischer Wettbewerber aus Osteuropa, Asien und Co. Sorgen.
Andere Branchen sehen diese Situation etwas entspannter. Und wer weniger Druck durch die Konkurrenz verspürt, der ist auch etwas optimistischer, was seine Zukunftsaussichten betrifft: Etwa 91 Prozent der Unternehmen, die kaum Wettbewerber aus Niedriglohnländern fürchten müssen, meinen, dass sie sich in den nächsten drei bis fünf Jahren am Standort halten oder sogar wachsen können. Unter den Betrieben mit der billigen Konkurrenz im Nacken sind 84 Prozent dieser Ansicht.
Differenzierung. Sich weltweit trotz Niedriglohnanbietern und Preisdruck behaupten zu können, ist vor allem bei standardisierten Gütern schwierig. Deutsche Unternehmen sind denn auch besonders dort stark, wo sie eine Marktnische für sich finden. Maßgeschneiderte, kundenspezifische und komplexe Produkte schaffen Alleinstellungsmerkmale – und können den Preis dann selbst in den Augen von Schnäppchenjägern zweitrangig werden lassen.
Tertiarisierung. Zusätzlich zur möglichst einzigartigen Ware macht sich ein Unternehmen attraktiv, wenn es sogenannte produktbegleitende Dienstleistungen, wie etwa Finanzierung und Wartungen, gleich mit anbietet. Jedes zweite Unternehmen gab im IW-Zukunftspanel an, häufiger als in der Vergangenheit ein solches Servicepaket zu offerieren. Besonders kleine Firmen mit bis zu 1 Million Euro Umsatz versuchen so, Kunden für sich zu gewinnen.
(Quelle: IW Köln)
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