Berlin, 28.09.2008 12:30 Uhr (redaktion)
Das Finanzsystem wird bereits, weil es in den USA keine der großen Investmentbanken mehr als solche gibt, nie mehr das sein, was es einmal war. Die Bekämpfung der Finanzkrise erfolgte durch zunehmend schwerere Waffen und aberwitzige Geldsummen.
Die vom Staat zu finanzierende Summe beläuft sich auf rund 1.100.000.000.000 US-Dollar (1.100 Mrd. oder 1,1 Billionen bzw. im amerikanischen Sprachgebrauch 1,1 trillions). Das entspricht etwa einem Drittel des bundesdeutschen Bruttoinlandsprodukts eines Jahres bzw. dem eineinhalbfachen der Marktkapitalisierung des Dax. Darin summiert haben wir knapp 300 Mrd. US-Dollar für die De-Facto-Verstaatlichung des Versicherers AIG und der beiden Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac, 700 Mrd. US-Dollar für den geplanten Auffangfonds für das Bankensystem und weitere Maßnahmen wie z.B. 50 Mrd. US-Dollar als Sicherungseinrichtung für Geldmarktfonds.
Die Details des Paketes sind noch in der Diskussion, eine abschließende Beurteilung daher noch gar nicht möglich. Aber in jedweder Ausgestaltung kann es die Problemkredite nicht wegdefinieren, sondern nur verschieben. Ein guter Teil wird über neue Schulden finanziert werden müssen, was nichts anderes bedeutet, als dass der Staat Spargelder beansprucht, die ansonsten über den Kapitalmarkt einer sinnvolleren Verwendung wie Unternehmensinvestitionen hätten zugeführt werden können. Die Kosten des Notprogramms werden zuvorderst die Steuerzahler tragen und das heißt, der private Verbrauch und die unternehmerischen Investitionen werden belastet. Zwar hat sich der private Konsum in den USA bislang erstaunlich robust gezeigt, allerdings gab es bis zum Sommer noch Steuergeschenke. Solche kann man in der neuen Lage von beiden Präsidentschaftskandidaten nicht mehr erwarten. Wie man es auch dreht und wendet, die schnellere Genesung des Bankensystems wird erkauft mit einer Lähmung der restlichen Wirtschaft.
Der Rettungsplan der US-Regierung kann die vor über einem Jahr offen ausgebrochene Kreditkrise nicht beenden, aber zumindest einen Kreditkollaps vermeiden. Den Banken wird ermöglicht, notleidende Aktiva aus der Bilanz zu bekommen und somit die Beanspruchung der zur Kreditvergabe erforderlichen Eigenkapitaldeckung zu reduzieren. Theoretisch kann der Staatsfonds dabei in einigen Jahren sogar ein Plus erwirtschaften, falls sich nämlich die kritischen Wertpapiere als werthaltiger erweisen sollten als der Preis, zu dem der Staat diese übernimmt. Bis dahin wird der Berg an faulen Krediten aber zunächst noch zunehmen. Die Immobilienpreise in den USA fallen weiter, und täglich können weitere Hausbesitzer ihre Hypotheken nicht mehr bedienen.
Die schiere Dimension des Bankenproblems ist noch viel größer als vor gerade einmal zwei Wochen die schlimmsten Vorahnungen hätten vermuten lassen. Diese negative Überraschung wiegt schwerer als jeder mögliche Erfolg, dem man dem groß angelegten Notfallprogramm der US-Regierung nur wünschen kann. Das allein ist Grund genug, die Kapitalmarktszenarien pessimistischer zu schreiben. Mit Schreckensmeldungen aus dem Finanzsektor ist auch über den Jahreswechsel hinaus zu rechnen. Die im Frühjahr vorzulegenden Jahresbilanzen werden zudem auch in den konjunktursensiblen Branchen rezessive Spuren aufweisen. Europa kann sich diesen Tendenzen nicht mehr entziehen. Die Wirtschaft hat auch hierzulande eine Vollbremsung hingelegt und wird noch etliche Quartale gegen eine Rezession kämpfen. Zwar wird Europas Bankenwelt nicht annähernd ins Taumeln geraten wie in den USA, aber mangels Rettungsplan ist man im Fall der Fälle jetzt sogar verwundbarer als dort.
Entgegen der bisherigen Annahme ist eine Erholung der Aktienmärkte bereits zum Jahresende nunmehr unwahrscheinlich geworden, die Berichtssaison Anfang 2009 kann sogar nochmalige Belastungen bringen. Entsprechend raten wir weiter, Zurückhaltung zu üben, einen hohen Kasseanteil und defensive Titel zu halten. Dem US-Dollar ist eine dauerhafte Erholung kaum mehr zuzutrauen, die Prognose wird aber durch den stützenden Effekt für den Fall der Neuverschuldung des Staates über Anleihenverkäufe ins Ausland erschwert, was uns von einer klar negativen Meinung zur US-Währung abhält. Der Rentenmarkt ist Profiteur auf ganzer Linie. Eine tiefere Konjunkturdelle, rückläufige Inflationsraten, eine frühere Zinssenkung der Europäischen Zentralbank und der langfristige Bedeutungsverlust des US-Dollars öffnen noch mehr Raum für fallende Zinsen in der Eurozone und mithin steigende Kurse als bislang angesetzt.
Keine Wirtschaftskrise verläuft wie eine andere vorher. Vergleiche mit der Depression der 1930er Jahre sind ebenso wenig angebracht wie solche mit der Deflation Japans der 1990er Jahre. Krisenherd, Krisenverlauf und Krisenmanagement sind jeweils gravierend unterschiedlich. Die wichtigsten Anlegerlehren aus den jüngsten Geschehnissen sind alte Weisheiten: Unerwartetes einkalkulieren, Selbstüberschätzung vermeiden, Klumpenrisiken begrenzen. Und bitte Hoffnung und Ausdauer behalten, denn am Ende der Geisterbahn gelangt man schlagartig wieder ins Helle.
(Quelle: Weberbank Actiengesellschaft; Oliver Borgis)
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