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Hintergründe und Meinungen - Kommentar zur Finanzkrise nach der HRE-Rettung

Berlin, 06.10.2008 16:57 Uhr (redaktion)

Das mit heißer Nadel gestrickte neuerliche Rettungspaket für die Hypo Real Estate (HRE) belegt eindrucksvoll, dass das Ausmaß der Krise nicht seriös abzuschätzen ist. Eine Einschätzung der Weberbank Actiengesellschaft.

Wenn im Fall HRE, der den höchsten Bank- und Geldhütern offen auf dem Tisch liegt, binnen weniger Tage eine Vergrößerung der Finanzierungslücke um 15 Mrd. Euro möglich ist, wer will da die Risiken in den Häusern, die sich bislang bedeckt halten, auch nur annähernd quantifizieren? Dass die verantwortlichen Manager der HRE nun von höchster Stelle zur Verantwortung gezogen werden sollen – sprich: ein Exempel statuiert werden soll - kann in anderen Problembanken die Bereitschaft zum Verschleiern sogar verstärken.

Von einem geordneten Krisenmanagement kann nicht mehr gesprochen werden, stattdessen werden drastische Maßnahmen ergriffen. Quasi als Fußnote der HRE-Rettung wurde eine staatliche Bürgschaft für Spareinlagen, Girokonten und Termingelder in Deutschland ausgesprochen. Entgegen der zunächst genannten 560 Mrd. beläuft sich deren Volumen per Ende 2007 auf rund 1.600 Mrd. (rund 20.000 Euro pro Bundesbürger) und dürfte seitdem eher gestiegen sein. Damit ist die Garantie weniger weitgehend als beispielsweise in Irland, macht aber immer noch zwei Drittel des bundesdeutschen BIP aus. Schon der nächste Fall einer Bankenschieflage könnte weitere Beruhigungspillen erfordern, zumal, wenn nicht eine Spezialbank wie die Hypo Real Estate, sondern gar eine Universalbank betroffen sein sollte.

Seit Jahresanfang ist unsere Empfehlung von einer defensiven Positionierung, hohen Kassehaltung und Zurückhaltung gegenüber verfrühten Kaufimpulsen geprägt. Dies gilt weiterhin. Es wird keine schmerzfreie Entwirrung des Finanzchaos geben. So erkauft das US-Rettungspaket eine schnellere Genesung des Bankensystems mit einer Lähmung der restlichen Wirtschaft. Folglich geraten aus Sorge vor einer globalen Rezession nun auch zyklische Werte verstärkt unter Druck. Aber auch die Risse im US-Bankensystem sind damit nicht automatisch gekittet: Die Immobilienpreise in den USA fallen weiter, und täglich können weitere Hausbesitzer ihre Hypotheken nicht mehr bedienen. Zwar wird Europas Bankenwelt nicht annähernd ins Taumeln geraten wie in den USA, aber mangels Rettungsplan ist man im Fall der Fälle jetzt sogar verwundbarer als dort.

Anders als der Aktienmarkt, bei dem die Rekordabschläge oft mit Rekordumsätzen einhergehen, trocknet der Anleihenmarkt in solchen Fällen oftmals aus. Bei Unternehmensanleihen, Bankschuldverschreibungen und Ähnlichem und sogar bei Pfandbriefen sind die quotierten Kurse oftmals keine realistischen Marktbewertungen mehr, denn es findet kein ausreichender Handel für eine aussagekräftige Quotierung statt. Die weiten Geld/Brief-Spannen kommen im illiquiden Markt durch Abwehrpreise der Händler oder vereinzelte Versuche, einen unlimitierten Gegenpart abzufischen, zustande. In diesem extrem klemmenden Markt ist unbedingt auf eine strenge Limitierung von Orders zu achten - das gilt auch für Jumbo-Pfandbriefe. Gehen Sie bei Limitierungen entsprechend auch nicht von Börsenquotierungen aus, und sprechen Sie Limite in dieser außergewöhnlichen Phase mit uns ab, falls Sie unsicher sind.

Leider ist ein Ende noch nicht abzusehen, weder das Ende des Abwärtsdrucks an den Aktienmärkten, noch das Ende der Konjunkturabschwächung und auch nicht das Ende der Bankenkrise, die gut und gerne in einer mehrjährigen Bankenkonsolidierung münden kann. Mit Credit Suisse haben wir uns vergangene Woche gegenüber unseren Kunden zu einem Wert bekannt, den wir als Gewinner der Bankenkrise sehen. Generell aber gilt weiterhin, dass mit dem Undenkbaren gerechnet werden muss. Tröstlich stimmt nur, dass, wenn die Märkte erst einmal eine längere Banken- und Konjunkturkrise eingepreist haben, eine Wende zum Besseren lange vor dem Ende der Krise selber einsetzen kann.

Haftungsausschluss:
Im Sinne der Weberbank Actiengesellschaft. Unsere Anregungen stellen Analysen der aktuellen Marktsituation und der aufgeführten Wertpapiere dar, die wir entweder selbst angestellt oder aus von uns als zuverlässig angesehenen Quellen bezogen haben. Trotz Anwendung größter Sorgfalt können wir für die Richtigkeit unserer Einschätzungen und das Eintreffen der dargestellten Prognosen keine Haftung übernehmen.

(Quelle: Oliver Borgis, Weberbank - Berlin)

 

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