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Marktkommentar von Experten der Weberbank zum Bankenrettungspaket

Berlin, 15.10.2008 09:49 Uhr (redaktion)

Nun gibt es auch in Deutschland ein Rettungspaket für die Banken. Ein europäisch abgestimmtes obendrein. Inzwischen kann fürwahr von einem wirkungsvollen Krisenmanagement durch die Bundesregierung gesprochen werden.

Diese ihrerseits spricht von einer neuen Finanzmarktverfassung und sie meint damit, dass dem ersten Schritt in Form des 500 Mrd. starken Rettungspakets ein zweiter Schritt folgen wird, der neue Aufsichtsregeln und eine stärkere Regulierung bringen wird. Auch das ist grundsätzlich zu begrüßen, denn die bisherigen Risikomess- und Kontrollsysteme haben offenbar nicht genügt. Es ist allerdings mit einer langwierigen politischen Diskussion zu rechnen, die auch auf internationaler Ebene geführt werden muss. Wenden wir uns also zunächst dem ersten Schritt zu.

Von den insgesamt 500 Mrd. Euro sind 400 Mrd. als vertrauensbildende Bürgschaften vorgesehen, um den Interbankenhandel zu beleben. Zahlungswirksam werden sollen davon geschätzte 20 Mrd. Euro und weitere 80 Mrd. Euro zur Rekapitalisierung der Banken. Diese fließen aus einem zu gründenden Finanzmarktstabilisierungsfonds in erster Linie in das Eigenkapital angeschlagener Banken gegen Beteiligung und gegen Auflagen des Bundes sowie erst in zweiter Linie in den direkten Aufkauf von Problemaktiva. Die Auflagen bestehen in einer Einflussnahme auf die Geschäftsausrichtung und die Vorstandsbezüge. Über die dazugehörige Gewinnbeteiligung und den späteren Verkauf wird von diesen 80 Mrd. ein guter Teil ab 2010 wieder erlöst werden, vielleicht sogar ein Gewinn. Durch die Eigenkapitalspritzen werden den Banken neue Kreditspielräume eröffnet, dieser Posten stellt daher das eigentliche Schwungrad des Programms dar, das insgesamt sehr positiv zu bewerten ist. Im Kanon mit der begleitenden Lockerung von Bilanzierungsregeln für Handelsaktiva ergibt sich ein gut dosiertes mehrstrahliges Vorgehen, das zielgerechter und effizienter als der Maßnahmenplan der USA ist. Aber die Krise ist dennoch nicht ausgestanden.


 

Das Hilfspaket wird Schlimmeres vermeiden: Es wird die Kreditkrise verkürzen und die Rezession glätten. Aber vermeiden kann es sie nicht mehr.


 

Selbst wenn die Bankenkrise schon morgen ad acta gelegt werden könnte, wäre eine Rezession dennoch unausweichlich. In dramatischem Tempo sind die Auftragseingänge in der breiten Wirtschaft eingebrochen. Neue Einträge in die Auftragsbücher werden nicht zügig loszutreten sein. Zumal die Unternehmen untereinander ihre Kreditbeziehungen und Zahlungsziele nun ebenso argwöhnisch betrachten, wie es die Bankenwelt seit einem Jahr bereits tut. Von den privaten Haushalten ist das typisch deutsche Angstsparen als Reflex der Konsumenten weit über deutsche Grenzen hinaus zu erwarten. Weder der Blick in die Zeitung noch der auf die Wertpapierdepots und erst recht nicht der auf die sich bald verschlechternde Arbeitsmarktlage animiert zu Käufen, die verschiebbar sind. Trotz etwas weniger starkem Euro wird auch die Exportseite nicht die Rettung bringen, denn die Konjunkturmisere findet bis auf wenige Ausnahmen im globalen Gleichschwung statt.

Für den Aktienmarkt bedeutet dies, dass auf ein erstes Aufatmen nach den Regierungsaktionen schon bald die Ernüchterung folgen wird. Schon am Freitag sollen die Maßnahmen als Gesetz den Bundesrat passieren. Bis dahin wird das Paket politisch zerredet werden, weil die Verteilung der Finanzierung nicht einmütig zu klären ist. Und selbst, wenn alles glatt durchgeht, stehen die kommenden Quartalsberichte der Unternehmen unter keinem guten Stern. Man sagt gerne, der Markt habe doch nun die verschlechterten Unternehmensaussichten eingepreist. Die Reaktion auf die jüngsten Gewinnwarnungen in den USA wie in Europa sollte uns eines besseren belehren. Bis die harte Wahrheit einer Rezession bis weit in das Jahr 2009 hinein als Realität verarbeitet ist, werden die Minuszeichen noch einige Zeit die Kurszettel dominieren.


 

Mehr als eine Zwischenerholung, vielleicht sogar von der Größe einer ausgewachsenen Bärenmarktrally, ist den Märkten nicht zuzutrauen.


 

So traurig es ist, die begonnene Erholung sollte zum Verkauf an guten Tagen genutzt werden und bleibt ansonsten ein Händlermarkt mit hohen Schwankungsintensitäten. Nutzen lässt sich diese kurzlebige Markterholung unseres Erachtens nur mit flexiblen Instrumenten und mit schnellem Finger am Abzug. Oder eben abseits des Aktienmarktes. Am Rentenmarkt ist bereits zu spüren, dass eine Emissionsflut an Staatsanleihen droht. Der Finanzmarktstabilisierungsfonds wird als Sondervermögen außerhalb des ordentlichen Haushalts geführt, aber dessen Finanzierung von 100 Mrd. Euro genauso wie jede andere Neuverschuldung über Emission von Staatsanleihen erfolgen müssen. Auch die jeweiligen Hilfsfonds der einzelnen Eurozonen- Länder wollen zügig finanziert sein, und das geht nur über Neuverschuldung.


 

Die derzeit gedämpften Anleihenkurse und die hohen Zinsaufschläge von Pfandbriefen sind Kaufgelegenheiten, die schnell genutzt werden sollten.


 

Tatsächlich wird die Beanspruchung des Kapitalmarktes demnächst um ein Vielfaches größer sein als üblich. Aber führt das zwangsläufig zu fallenden Notierungen? Wir meinen nicht, der fundamentale Trend ist so kräftig, er kann gedämpft aber nicht umgebogen werden. Fundamental stehen die Zeichen auf mehrere Quartale Rezession, einen zügigen Inflationsrückgang und weitere Zinssenkungen bis auf rund 3%.

Haftungsausschluss:
Unsere Anregungen stellen Analysen der aktuellen Marktsituation und der aufgeführten Wertpapiere dar, die wir entweder selbst angestellt oder aus von uns als zuverlässig angesehenen Quellen bezogen haben. Trotz Anwendung größter Sorgfalt können wir für die Richtigkeit unserer Einschätzungen und das Eintreffen der dargestellten Prognosen keine Haftung übernehmen.

(Quelle: Weberbank Actiengesellschaft; Oliver Borgis)

 

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