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Baader Marketnews: Warten auf Englands Notenbank und japanisches Konjunkturpaket

Düsseldorf, 04.08.2016 11:25 Uhr (Klaus Stopp)

Am heutigen Tag richten sich die Blicke der Börsianer nach London, denn dort tagt der geldpolitische Ausschuss der Bank of England (BoE) und wird über die zukünftige Zinspolitik beraten.

Am Markt herrscht einvernehmlich die Meinung vor, dass die Bank Rate von 0,50% auf 0,25% gesenkt wird. Es wäre die erste Reduzierung nach 7 ½ Jahren und alles andere als ein solcher Beschluss wäre ein Desaster für die Finanzmärkte. Darüber hinaus sind allerdings auch weitere flankierende Maßnahmen wie Ausweitung des Funding for Lending Schemes (FLS) oder der Wertpapierankäufe vorstellbar und notwendig, um der extrem hohen Erwartungshaltung der Marktteilnehmer zu entsprechen.

Doch das Enttäuschungspotential ist extrem hoch. Erst am 15. September würden die britischen Notenbanker wieder zusammenkommen, aber das wären weitere 6 Wochen der Spekulation und der Unsicherheit. Das Grundproblem bei solchen Entscheidungen ist allerdings, dass Notenbanken mit ihrer Geldpolitik nur agieren oder reagieren können. Manchmal ist es besser, noch abzuwarten und in anderen Situationen ist es dringend erforderlich, sofort zu reagieren. Darüber hinaus bleibt den Verantwortlichen in nicht eindeutigen Konjunkturzyklen nur, wie die amerikanische Notenbank auf die Kraft der Worte zu setzen. Und das wird auch heute nicht anders sein.

Britische Wirtschaft leidet unter dem Brexit

Schenkt man jüngsten britischen Konjunkturdaten Glauben, so leidet die Wirtschaft bereits jetzt massiv unter dem Brexit. Das Stimmungsbarometer des Instituts Markit ist im Juli auf 48,3 Punkte gefallen, nachdem es im Juni noch bei 52,4 Punkten und somit über der sogenannten Wachstumsschwelle von 50 Punkten gelegen hat. Hervorgerufen wird dieser sogar noch stärker als erwartete Rückgang durch die Unsicherheit bezüglich der weiteren wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Großbritannien. Dies kam zum Beispiel im Teilindex für die Bestellungen überdeutlich zum Ausdruck, der so stark einbrach wie seit 1998 nicht mehr.

Vor Monaten hat man sich noch mit den USA ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert, wer zuerst die Zinsen erhöhen wird. Dass man den USA hierbei bereits im Dezember des vergangenen Jahres den Vortritt lassen musste, konnte man noch verkraften. Aber jetzt nach dem Brexit-Referendum auch noch die entgegengesetzte Richtung einschlagen zu müssen, schmerzt die Notenbanker besonders. Bei allen heute und zukünftig zu treffenden Entscheidungen gilt es, ein großes Maß an Fingerspitzengefühl zu beweisen, um nicht mit einem unbedachten Kommentar oder übertriebenem Aktionismus Panikstimmung zu erzeugen.

Japans größtes Konjunkturpaket mit ca. 248 Mrd. Euro

Bereits am vergangenen Freitag hat die japanische Notenbank (BoJ) beschlossen, die Leitzinsen nicht weiter nach unten anzupassen und zugleich angekündigt, zukünftig mehr Wertpapiere anzukaufen. Allerdings handelt es sich hierbei um börsengehandelte Fonds und nicht - wie erhofft - auch um Staatsanleihen. Mit diesen Maßnahmen legten die Notenbanker ihre Rahmenbedingungen fest, wie sie die Regierung im Kampf gegen Wirtschaftsschwäche und Deflation unterstützen wollen.

Statista Japan BIP Wachstum

Jetzt galt es nur noch, auf die ergänzenden Erläuterungen der japanischen Regierung zu warten. Am Dienstag war es dann soweit. Das größte Konjunkturpaket seit der Finanzmarktkrise hat insgesamt ein Volumen von 28,1 Bill. Yen (ca. 248 Mrd. €), allerdings belaufen sich die eigentlichen Fiskalmaßnahmen lediglich auf 13,5 Bill. Yen. Die restlichen 14,6 Bill. Yen beruhen auf nicht direkt definierten Ausgaben und auf Maßnahmen öffentlich-privater Partnerschaften. Insgesamt hat das Maßnahmenpaket zwar die Erwartungen der Marktteilnehmer übertroffen, aber die Tatsache, dass im laufenden Haushaltsjahr lediglich 4,6 Bill. Yen veranschlagt wurden, hat zunehmend für Enttäuschung gesorgt.

Seit 1990 haben die Regierungen in Tokio 25 Konjunkturpakete ohne nachhaltigen Erfolg aufgelegt und somit sind Zweifel angebracht, ob wirklich das 26. die erhoffte Wende bringen wird. An der Börse scheint diese Hoffnung von Tag zu Tag zu schwinden. Kritisch wird inzwischen auch gesehen, dass die Bank of Japan nicht - wie von vielen Marktbeobachtern erwartet – das Anleihenkaufprogramm aufstockte. Dies ließ Spekulationen aufkommen, dass der BoJ zukünftig die finanziellen Mittel nicht mehr zur Verfügung stehen werden und man dadurch gezwungen sei, die Unterstützung der heimischen Wirtschaft mehr in die Hände der japanischen Regierung zu legen.

Bank of Japan Webscreenshot

Ob die japanische Notenbank wirklich an ihre geldpolitischen Grenzen gestoßen ist, werden die nächsten Monate zeigen. Auch wenn normalerweise die Notenbanken am längeren Hebel sitzen, so musste sogar die Schweizerische Nationalbank (SNB) im Januar 2015 am Devisenmarkt kapitulieren. Denn irgendwann ist einfach Schuss!

Der Autor dieses Artikels ist Klaus Stopp, Leiter der Skontroführung Renten bei der Baader Bank AG.

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Herausgeber:
Baader Bank AG
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www.baaderbank.de

Redaktion:
Robert Halver,
Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank AG
Marc Schlömer, Kapitalmarktanalyse, Baader Bank AG

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