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Robert Halver Marktkommentar: Keine Wirkung durch Anleiheaufkaufprogramm der EZB

FrankfurtMain/München, 06.09.2016 11:43 Uhr (Robert Halver)

Das beispiellose Anleiheaufkaufprogramm der EZB und die mit ihm verbundene Rendite- und Kreditzinsdrückung zeigen konjunkturell keine Wirkung. Das Kreditwachstum in der Eurozone bleibt regelrecht erbärmlich.

Unter diesen Vorzeichen ist kein nachhaltiger Aufschwung außerhalb von Basiseffekten zu erwarten. Selbst weitere liquiditätspolitische Gedankenspiele wie der Aufkauf von Aktien werden keine Wende zum realwirtschaftlich Besseren bringen. Zu wenig Geldversorgung ist nicht das Problem, sondern zu wenig marktwirtschaftliche Wirtschaftspolitik in den einzelnen Euro-Staaten: Ohne Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit wird die private Wirtschaft den europäischen Standort nicht wieder neu entdecken.

Leider ist auch Deutschland keine lobenswerte Ausnahme. Die Reformpolitik einer „Agenda 2010“ wurde nicht fortgesetzt. Dabei war gerade sie ein erfolgreiches Instrument, den früheren kranken Wirtschaftsmann Europas - nämlich Deutschland - gesunden zu lassen. Sich auf den Lorbeeren der aktuell sicherlich noch guten deutschen Industriekultur auszuruhen, ist fatal. Und es ist nicht ausreichend, sich als der Einäugige unter den wirtschaftlich Blinden in der Eurozone zu betrachten. Europameister reicht nicht, Weltmeister müssen wir sein, denn in Amerika und Asien sitzt die eigentliche Industriekonkurrenz, die die industrielle Revolution 4.0, die Digitalisierung als große Chance begreift und bei Erfolg der deutschen Industriekultur ernsthaft Konkurrenz macht.

Baader Markets Liquidität und Kreditvolumen in der Eurozone
Quelle: Baader Markets

Neue industrielle Konkurrenz aus Großbritannien

Aber nicht nur in Übersee, sondern unmittelbar vor der deutschen Haustür besteht die Gefahr einer neuen industriellen Konkurrenz. Großbritannien schickt sich an, seine sehr einseitige Dienstleistungsorientierung zugunsten einer radikalen Reindustrialisierung aufzugeben. Das braucht sicherlich Zeit. Doch weiß die neue britische Regierung, dass sie nach Brexit wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand steht und einen Plan B verfolgen muss. Steuer-, Lohn- und Währungsdumping sollen zur Wiedergewinnung industrieller Stärke massiv eingesetzt werden. Und eine Wieder-Deregulierung des Londoner Finanzplatzes erscheint ebenso wahrscheinlich.

Brüssel und die Rest-EU sollten sich nicht der Illusion hingeben, Großbritannien wirtschafts- und industriepolitische Bedingungen diktieren zu können. London registriert - als diplomatische Weltmacht - sehr genau, dass Europas Politiker sich in vielen Fragen uneins sind. Zudem leidet Kontinental-Europa unter (finanz-)politischen Krisen wie die Hängepartie der spanischen Regierungsbildung, die zunehmende Stärke EU-kritischer Parteien und die Bankenkrise in Italien. London wird versuchen, diese Disharmonie im Zuge der Neuverhandlung der Beziehungen zur EU für sich zu nutzen, um insgesamt wieder ein attraktiver Industriestandort zu werden.

Einen Vorgeschmack auf eine zukünftig zunehmende [URL=Einen Vorgeschmack auf eine zukünftig zunehmende Konkurrenzfähigkeit Großbritanniens liefert die im europäischen Vergleich einseitige Stimmungsverbesserung in britischen Industrieunternehmen, die den stärksten Zuwachs in der fast 25-jährigen Geschichte der Datenerhebungen erzielt. Interessanterweise ist die Stimmung im Verarbeitenden Gewerbe aktuell besser als vor der Brexit-Abstimmung. Auch wenn sicherlich die momentane Pfund-Schwäche und das Abebben des ersten Brexit-Schocks für die Klimaaufhellung mitverantwortlich sind, sollte der neue wirtschaftspolitische „Ruck“, der durch die britischen Unternehmen geht, nicht unterschätzt werden.Konkurrenzfähigkeit Großbritanniens liefert die im europäischen Vergleich einseitige Stimmungsverbesserung in britischen Industrieunternehmen, die den stärksten Zuwachs in der fast 25-jährigen Geschichte der Datenerhebungen erzielt. Interessanterweise ist die Stimmung im Verarbeitenden Gewerbe aktuell besser als vor der Brexit-Abstimmung. Auch wenn sicherlich die momentane Pfund-Schwäche und das Abebben des ersten Brexit-Schocks für die Klimaaufhellung mitverantwortlich sind, sollte der neue wirtschaftspolitische „Ruck“, der durch die britischen Unternehmen geht, nicht unterschätzt werden.

Baader Markets Volkswirtschaftliche Prognose
Quelle: Baader Markets

Die Schwellenländer sind wirtschaftlich nicht mehr das, was sie einmal waren

Sicherlich hat sich die schlechte Stimmung gegenüber Schwellenländern seit Mitte 2015 spürbar aufgehellt. Fiskal- und geldpolitische Stimulierungsmaßnahmen insbesondere in China haben die Gefahren eines hard landing Asiens eingedämmt. Die Aktienmärkte der Schwellenländer reagieren positiv: Nach knapp 30-prozentigen Kursgewinnen seit ihrem 6-Jahres-Tief im Januar - der MSCI Emerging Markets Index befindet sich klar im Bullenmarkt - steigt zwar das Risiko zwischenzeitlicher Kursrücksetzer durch Gewinnmitnahmen. Jedoch spricht die deutlich nachgelassene Volatilität für eine auch weiterhin geringe Risikoaversion.

Dennoch muss festgestellt werden, dass die Schwellenländer ihren langjährigen Nachfragesog nach westlichen und deutschen Produkten reduzieren werden, nicht zuletzt, da sie selbst als Anbieter im Außenhandel auftreten. Die neue Sachlichkeit in der chinesischen Volkswirtschaft zeigt sich im offiziellen als auch im vom Finanzdatenanbieter Caixin veröffentlichten Einkaufsmanagerindex. Sie dokumentieren vor dem Hintergrund eines schwierigen Übergangs von einer Export und Immobilien getriebenen hin zu einer nachhaltigen Konsum- und Dienstleistungswirtschaft eine Konjunkturstabilisierung in China lediglich auf niedrigem Niveau.

Die Mär von der starken US-Konjunktur

Selbst die US-Konjunktur zeigt sich bei genauerer Betrachtung weniger robust als bislang von vielen Marktteilnehmern behauptet. So hat sich das Klima im Verarbeitenden Gewerbe Amerikas das zweite Mal in Folge sowohl im Gesamtindex, aber auch in der Neuauftrags- und Beschäftigungskomponente abgeschwächt. Mit Sommerloch allein lässt sich diese Entwicklung nicht erklären. Da stellt sich die Frage, mit welcher konjunkturellen Berechtigung man in den USA von Zinserhöhungen spricht.

Der Autor dieses Artikels ist Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG. www.bondboard.de

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Herausgeber:
Baader Bank AG
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www.baaderbank.de

Redaktion:
Robert Halver,
Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank AG
Marc Schlömer, Kapitalmarktanalyse, Baader Bank AG

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