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Robert Halver Finanzmarktkommentar: Die EU ist zum Aktien-Handicap geworden

FrankfurtMain/München, 20.09.2016 10:57 Uhr (Robert Halver)

Die EU, die normalerweise dafür da ist, günstige politische Rahmenbedingungen für eine prosperierende Wirtschaft in ganz Europa zu schaffen, ist zum Aktien-Handicap geworden. Sie ist in existentiellen Nöten. Überall in Europa nehmen Renationalisierungsstrategien zu.

Und dabei hat der nationale Ausstieg der Briten aus der EU sein negatives Füllhorn noch nicht ansatzweise ausgeschüttet. Im Augenblick geht es dabei nur um die Petitesse, wann Großbritannien seinen Austrittsantrag stellt. Früher oder später wird man sich jedoch den Konsequenzen stellen müssen, z.B. dass die anderen EU-Länder große Teile des britischen EU-Beitrags zusätzlich tragen müssen. Übrigens, nach Brexit wird sich Großbritannien zwar nicht mehr uneingeschränkt an den Segnungen der EU laben können. Aber die langfristige wirtschaftliche (Br)Exit-Strategie des Landes wird darin bestehen, als neue Power-Ökonomie die Rolle des bisherigen Wirtschaftspartners gegen die des -konkurrenten gegenüber der Rest-EU auszutauschen.

Die gebetsmühlenartigen Beteuerungen, der Ausstieg eines G7-Staates und Uno-Sicherheitsratsmitglieds würde die EU nicht (wirtschafts-)politisch schwächen, sind gelinde gesagt dummes Zeug. Der Brüsseler Elfenbeinturm hat sich mit seinen Beschönigungen so sehr von den „Niederungen“ der EU-Bevölkerung entfernt, dass einem vor den französischen Präsidentenwahlen angst und bange werden kann. Daneben droht Italien bereits im kommenden Herbst nach einem gescheiterten Referendum über die Verwaltungsreform eine Regierungskrise ähnlich der in Spanien.

In einer Konjunkturwelt, in der sich die USA und China immer mehr auf die Industriepfründe stürzen, von denen die EU meint, das alleinige Nutzungsrecht zu besitzen, sind dies alles sicher keine guten (wirtschafts-)politischen Gegenstrategien. Es fehlt der politische Mut, gemeinsam die großen ökonomischen Unterschiede in der Union, die hohe Jugendarbeitslosigkeit und das schwache Wachstum anzugehen. Schöne Worte, Europa-Pathos und viel politische Korrektheit allein helfen nicht weiter. Es geht um zunächst schmerzhafte, längerfristig aber heilende Reformen an Haupt und Gliedern. Doch die will man den Wählern nicht zumuten. Sie könnten sich an der Urne „rächen“.

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Spiegelbild dieser fundamentalen Nachteile sind u.a. stagnierende ZEW Konjunkturerwartungen für Deutschland im September, die vorerst keine nennenswerten wirtschaftlichen Zuwächse erwarten lassen. Laut ZEW verhindert die Schwäche der deutschen Industrieproduktion und im Export eine Fortsetzung der ohnehin steinigen Konjunkturerholung. Die Beurteilung der aktuellen Lage fällt laut ZEW sogar wieder etwas schwächer aus.

Die Angst vor dem geldpolitisch Unsäglichen

Fundamentale Aktienargumente sind rar gesät. Als effizientes Ersatzargument fungiert seit 2008 ein beispielloses üppiges geldpolitisches Umfeld. Doch ausgerechnet dieses „Aktien-Allheilmittel“ wurde zuletzt in Zweifel gezogen. So ist sich die Bank of Japan uneinig über ihre Deflationsbekämpfung und unterzieht ihre bisherigen geldpolitischen Maßnahmen - weil sie konjunkturell nicht erfolgreich waren - einer „umfänglichen“ Prüfung. So entsteht der Eindruck, dass die Liquiditätsmaschine der japanischen Notenbank vorübergehend stillgelegt wird. De facto ist dies zwar nicht der Fall. Doch zeigt sich hier die hohe psychologische Bedeutung des Liquiditätsarguments für den japanischen Aktienmarkt.

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Auch die Ängste vor einem Überdenken der EZB hinsichtlich ihres geldpolitischen Kurses scheinen zuzunehmen. Denn trotz vorgetragener Konjunkturskepsis hat sie ihre Liquiditätsoffensive nicht weiter ausgeweitet. Setzte sich diese Skepsis fort, wirft dies auch ein negatives Licht auf die Bewertungsfrage von Aktien. Typischerweise sind in der Vergangenheit z.B. deutsche Aktienkursgewinne bzw. -verluste mit Gewinnsteigerungen bzw. -rückgängen der Unternehmen einhergegangen. Dieser fundamental logische Zusammenhang hat sich seit dem geldpolitischen Rettungsversprechen der EZB von Juli 2012 massiv aufgelöst. Die seit langem schwache Gewinnentwicklung rechtfertigt die insgesamt imposante Kursentwicklung nicht. Eine tatsächliche Korrektur der üppigen europäischen Geldpolitik würde ohne Zweifel eine Korrektur der Aktienmärkte nach sich ziehen.

Der Autor dieses Artikels ist Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG. www.bondboard.de

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Herausgeber:
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Redaktion:
Robert Halver,
Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank AG
Marc Schlömer, Kapitalmarktanalyse, Baader Bank AG

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