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Macron Effekt: Steigende Kurse an der Pariser Börse mit Vorsicht zu genießen

FrankfurtRheinMain/Paris, 27.04.2017 13:07 Uhr (Klaus Stopp)

Die Kapitalmärkte bejubeln allenthalben den Sieg von Emmanuel Macron bei den französischen Präsidentschaftswahlen. Sicher, mit dem Ergebnis hat der Shootingstar aus Paris die rechtsnationale Europa-Feindin Marine Le Pen zunächst in ihre Grenzen verwiesen. Doch ...

Doch statt Euphorie wäre eher eine sachliche Nüchternheit angesagt. Denn allein durch steigende Kurse an der Pariser Börse sind die Wirtschaftsprobleme und die Staatsschuldenkrise von Frankreich nicht zu lösen. Und ohnehin steht ja noch die Stichwahl am 7. Mai an, bevor der künftige Präsident (oder die Präsidentin?) der Fünften Republik im Elysée-Palast einen Berg an Problemen abarbeiten darf.

Da ist an erster Stelle die rekordhohe Staatsverschuldung von 2.147 Mrd. Euro zu nennen, die 2016 erstmals das Defizit der nach Einwohnern deutlich größeren Bundesrepublik Deutschland übertroffen hat und bei über 96 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegt. Hinzu kommt eine latente Wachstumsschwäche der zweitgrößten Volkswirtschaft Europas, gepaart mit einer strukturell hohen Arbeitslosigkeit von 8 Prozent bis 10 Prozent, die gestern auf den höchsten Stand seit 10 Monaten anstieg. Insgesamt sind 3,5 Mio. Menschen ohne festen Job. Zurückzuführen ist diese Situation unter anderem auf eine langfristige Deindustrialisierung des Landes und einen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit.

Ex Investmentbanker Macron steht vor Mammutaufgaben

Sollte also Macron die Stichwahl tatsächlich für sich entscheiden, erwartet ihn eine Mammutaufgabe. Immerhin ist es der frühere Investmentbanker und kurzzeitige Wirtschaftsminister, der im Präsidentschaftswahlkampf als einziger dafür eintritt, das jährliche Budgetdefizit wieder unter die im Maastrichter Vertrag vereinbarte Grenze von 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) drücken zu wollen. Er hat also verstanden, dass es so nicht weitergehen kann! Die Frage ist nur, wie er es meistern will ganz ohne den Apparat und das Geld einer etablierten Partei im Rücken. * Schätzung.

Statista Staatsquote in Frankreich Grafik

(Die Statistik zeigt die Staatsquote in Frankreich von 2006 bis 2016. Die Staatsquote bezeichnet das Verhältnis der Staatsausgaben zum Bruttoinlandsprodukt (BIP). Im Jahr 2016 liegt die Staatsquote in Frankreich bei geschätzt rund 56,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. * Schätzung.)

Eines seiner Ziele ist es, die Staatsquote in Frankreich zu verringern, die bei hohen 56 Prozent liegt. Ihre Senkung auf 53 Prozent bis zum Jahr 2022 soll mit Einsparungen von 60 Mrd. Euro erreicht werden. Was damit nicht ganz zusammenpasst ist sein Plan, mit rund 15 Mrd. Euro an Steuergeldern die Ausbildungsförderung voranzutreiben, um der hohen Jugendarbeitslosigkeit von 20 Prozent Herr zu werden. Auch die Energiewende will Macron mit weiteren 15 Mrd. Euro angehen, um die in die Jahre gekommene Atomkraft in Frankreich allmählich abzulösen.

Mit Blick auf Europa hat er ja ein wohltuend klares Bekenntnis abgelegt. Und so wurde das Ergebnis des ersten Wahlgangs von hiesigen Industrieverbänden als ein vielversprechendes Zeichen auch für Deutschland und Europa begrüßt. Allerdings könnte es im Detail doch zu Unstimmigkeiten mit Deutschland kommen. So liebäugelt Macron mit der Einführung der in Deutschland wenig geschätzten Eurobonds, für die mehrere Staaten gemeinsam geradestehen. Außerdem hat er sich in die Reihe der Kritiker an Deutschlands hohen Handelsüberschüssen eingereiht. Deutschland werde hoffentlich zu der Einsicht kommen, dass die wirtschaftliche Stärke des Landes in der jetzigen Ausprägung nicht tragbar sei, hatte Macron im Wahlkampf gesagt, allerdings auch eingeräumt, dass Deutschland von Frankreich vor allem erwarte, endlich strukturelle Reformen einzuleiten.

Ein entscheidender Unsicherheitsfaktor für Macrons Wirtschaftskurs ist natürlich die Frage, ob er überhaupt in die Lage versetzt wird, seine Reformen durchzusetzen. Dies wird weitgehend davon abhängen, ob er die Parlamentswahlen im Juni (18. und 25.) gewinnen kann. Um ihm eine solide Hausmacht zu verschaffen, müssen die Kandidaten seiner neu gegründeten Partei „En Marche“ auch bei den Wahlen reüssieren. Darüber hinaus wird das Geschick von Macron im Falle seiner Wahl immer gefragt sein, denn es gilt Allianzen mit den anderen Parteien für seine Reformvorhaben zu schmieden. Wechselnde Mehrheiten zu kreieren, wird also sein Motto werden. Und ob ihn die Politiker der anderen Parteien unterstützen werden, steht in den Sternen.

Der Autor dieses Artikels ist Klaus Stopp, Leiter der Skontroführung Renten bei der Baader Bank AG.

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