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Credendo Wirtschaft Destination Indien: Chancen und Risiken

Wiesbaden/Düsseldorf, 27.11.2017 12:03 Uhr (Christoph Witte)

Indien auf dem Reformweg: Ende Oktober hat die Regierung Indiens angekündigt, den schwachen Bankensektor und insbesondere die Staatsbanken mit einer Finanzspritze in Höhe von 32 Milliarden US-Dollar zu unterstützen.

Zusätzlich hatte der indische Premierminister Narendra Modi bereits im Vorjahr mit zwei abrupt eingeführten Maßnahmen für Furore gesorgt: Zum einen mit der Geldentwertung im vergangenen November, zum anderen mit der im Juli eingeführten einheitlichen Umsatzsteuer (Goods and Services Tax, GST).

„Die Maßnahmen unterstreichen den Reformwillen der indischen Regierung und könnten sich mittel- bis langfristig positiv auf die Wirtschaft auswirken“, sagt Christoph Witte, Deutschland-Chef des belgischen Kreditversicherers Credendo. „Dennoch waren die beiden Maßnahmen, die im vergangenen Jahr getroffen wurden, zunächst ein Schock für die indische Wirtschaft.“

Während das BIP-Wachstum im Haushaltsjahr 2015 noch acht Prozent betrug, sank es 2016 auf 7,1 Prozent. Grund für den Rückgang war der Liquiditätsengpass, der nach der Geldentwertung entstand. Die Initiative sollte eigentlich Steuerhinterziehung und Schwarzgeld bekämpfen, sowie zugleich den digitalisierten Zahlungsverkehr ankurbeln: Jedoch trafen die Maßnahmen insbesondere die informellen und auf Bargeld basierenden Bereiche der Wirtschaft hart.

Credendo Destination Indien Risiken

„Nachdem die Wirtschaft nach der Geldentwertung wieder zur Normalität gefunden hatte, wurde die GST verfrüht eingeführt, ohne dass das Verfahren und die Sätze vollständig geklärt waren“, so Witte. „Folglich sank das BIP-Wachstum im ersten Quartal dieses Jahres auf den niedrigsten Stand seit drei Jahren.“ Gegenüber dem Vorquartal betrug das BIP-Wachstum im ersten Quartal 2017 nur 5,7 Prozent. Angesichts dieses Ergebnisses ist es fraglich, dass in diesem Jahr wieder ein BIP-Wachstum von sieben Prozent erreicht werden kann. „Wir gehen aber davon aus, dass die Folgen der Schocks in den kommenden Monaten abklingen und schätzen die Wachstumsaussichten mittel- bis langfristig als günstig ein“, prognostiziert Witte. Bereits 2018 dürfte das Wachstum wieder an Fahrt aufnehmen und 2021, wenn die Nachwirkungen der beiden Schocks aus dem vergangenen Jahr abgeklungen sind, wieder bei acht Prozent notieren.

Indiens schwacher Bankensektor birgt größtes Risiko

Die reform- und wirtschaftsorientierte Haltung der Regierung im letzten Jahr hat aber schon einige positive Auswirkungen gehabt: Die Rupie notiert auf einem stärkeren Kurs, das Geschäftsumfeld hat sich verbessert und das Vertrauen der Anleger ist gestiegen, sodass vermehrt Direktinvestitionen getätigt werden. Auch die arme Bevölkerung Indies begrüßte die Bemühungen Modis, mit der Geldentwertung Korruption und Steuerhinterziehung zu bekämpfen – obwohl sie durch diese schwer getroffen wurde.

„Modi ist mittlerweile zu einer der beliebtesten politischen Leitfiguren der letzten Jahrzehnte geworden“, sagt Witte. „Dementsprechend wird Modi auch als Favorit für die kommende Wahl im Jahr 2019 gehandelt und die politische Stabilität und der Reformwillen dürften bis zum Jahr 2024 gesichert sein.“

Nach den Wahlen könnten zwei weitere Maßnahmen – zum einen die Reform des Arbeitsmarktes, zum anderen die des Grunderwerbsrechts – angegangen werden. Neben der Politik profitiert Indien aber auch von vorteilhaften Wirtschaftsbedingungen. Hierzu zählt der niedrige Ölpreis, der es dem Nettoimporteur von Erdöl ermöglichte, mit unter vier Prozent Inflation ein Zehnjahrestief zu erreichen. Zudem sorgt der große Binnenmarkt Indiens für Sicherheit: Die starke inländische Verbrauchernachfrage wappnet Indien gegen externe Schocks wie eine schwindende Nachfrage Chinas oder potenzielle Handelsmaßnahmen der USA während der Amtszeit Trumps. Dennoch gibt es drei Risken: Der angeschlagene Bankensektor und dessen Stabilität bergen die größte Gefahr. Insbesondere die staatlichen Geschäftsbanken, die 70 Prozent des gesamten Bankvermögens besitzen, sind nicht stabil.

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„Es ist positiv zu bewerten, dass die indische Regierung dieses Risiko nun mit der Rekapitalisierung der Staatsbanken begrenzen will“, so Witte. „Der Plan wird die Staatsverschuldung nur geringfügig erhöhen und das Vertrauen der Investoren in den schwachen Bankensektor wiederherstellen. Trotzdem müssten weitere Bankenreformen verabschiedet werden, damit Banken und Regierung mittelfristig nicht wieder von faulen Krediten betroffen werden.“ Das zweite Risiko setzt sich aus dem Problem notleidender Kredite bei Staatsbanken und der hohen Unternehmensverschuldung zusammen. „Diese Faktoren wirken sich auf Kreditangebot und -nachfrage aus und haben mit dazu geführt, dass das Wachstum der Bankkredite an den privaten Sektor im vergangen März auf 5,1 Prozent gesunken ist – was den Tiefststand seit einem halben Jahrhundert markiert“, so Witte. „In Folge dessen ist auch die inländische Investitionsquote zurückgegangen.“ Das dritte Risiko bildet die strukturell schwache öffentliche Finanzlage. Für die kommenden Jahre wird mit einem gesamtstaatlichen Haushaltsdefizit von über sechs Prozent des BIP gerechnet. „Die eingeführte GST dürfte die bereits eingeleitete Haushaltskonsolidierung unterstützen, trotzdem dürfte diese sich eher schleppend fortsetzen,“ prognostiziert Witte.

(Quelle: Credendo ist auf dem gesamten europäischen Kontinent in allen Bereichen der Kreditversicherung tätig und bietet mit ihren Produkten weltweiten Versicherungsschutz: belgische Exportkreditagentur-Leistungen, Warenkreditversicherung zur Deckung von europäischen und außereuropäischen Risiken, Einzelrisiken, Excess of loss, Top up, Bürgschaften sowie Rückversicherung. Im Jahr 2016 versicherte Credendo Handelstransaktionen im Wert von 80 Milliarden Euro und fakturierte Prämien in Höhe von 370 Millionen Euro. Credendo ist die viertgrößte Kreditversicherungsgruppe in Europa.)

 

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