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Professor Küting: Mittelstand ignoriert das internationale Bilanzrecht

Dokument: Saarbrücken, 26.11.2011 18:19 Uhr (Wirtschaftsredaktion)

Professor Karlheinz Küting vom Centrum für Bilanzierung und Prüfung an der Saar-Uni legt dar, dass die Mehrheit deutscher Unternehmen ihre Bilanzen weiterhin nach deutschem Handelsgesetzbuch erstellen.

Die Saarbrücker Wissenschaftler haben in einer Studie festgestellt, dass die meisten deutschen Konzerne, die nicht am Kapitalmarkt orientiert sind und die internationalen Standards daher nicht anwenden müssen, dies auch nicht tun. Die Forscher der Universität des Saarlandes werten dies als deutliche Kritik an den internationalen Regeln.

"Vor Beginn unserer Studie waren wir davon ausgegangen, dass viele Einzelfirmen immer noch nach deutschem Recht bilanzieren. Überrascht waren wir jedoch davon, dass auch die meisten Konzerne, die nicht am Kapitalmarkt orientiert sind und daher zwischen deutschem und internationalem Recht wählen können, sich weiterhin am Handelsgesetzbuch orientierten“, fasst Professor Karlheinz Küting die Ergebnisse zusammen. Sein Team am Centrum für Bilanzierung und Prüfung an der Saar-Uni hatte in einer umfangreichen Studie die Daten des elektronischen Bundesanzeigers ausgewertet. Für das Geschäftsjahr 2009 machten die Wissenschaftler lediglich 14 Einzelabschlüsse nach International Financial Reporting Standards (IFRS) ausfindig. „Unter den deutschen Konzernen wählten wir nach Zufallsstichprobe zweitausend nicht am Kapitalmarkt orientierte Mutterunternehmen aus. Von diesen haben nur rund fünf Prozent von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht und sich an den internationalen Standards orientiert“, erläutert Küting.

Für den Saarbrücker Betriebswirt ist dies ein Zeichen dafür, dass viele mittelständische Unternehmen mit den komplexen internationalen Standards überfordert sind. „Die Abschlussprüfer dieser Unternehmen bewegen sich oft in der Grauzone zwischen Prüfung und unzulässiger Mitwirkung an der Abschlusserstellung“, kritisiert Küting. Außerdem sei die IFRS-Bilanzierung laufend Änderungen unterworfen, während das deutsche Bilanzrecht seit Jahrzehnten relativ wenige Korrekturen erfahren habe. Das internationale Regelwerk enthalte zudem eine Flut von unbestimmten Rechtsbegriffen, die verschieden interpretiert und ausgelegt würden. „Darüber hinaus weist es viel mehr in die Zukunft als das deutsche Recht. Dadurch halten Prognosen und Schätzungen verstärkt Einzug in die Bilanzen und das ist immer mit Unsicherheiten behaftet“, stellt der Saarbrücker Professor fest.

Im deutschen Handelsrecht wird auch großen Wert auf Objektivierung gelegt, damit die wirtschaftliche Lage eines Unternehmens transparent nach außen dargestellt wird. „Die internationalen Standards stellen diesen Grundsatz in Frage und führen dadurch zum Teil zu willkürlicheren Schlussfolgerungen“, warnt Küting. Er vermutet auch, dass die IFRS-Normen in der Finanzkrise wie ein Katalysator gewirkt haben, da sie sich stärker am Marktwert eines Unternehmens orientieren, der jedoch laufend Schwankungen unterworfen ist. Mit seiner Kritik will der Betriebswirt nicht das internationale System diskriminieren oder gänzlich in Frage zu stellen. Vielmehr wünscht er sich eine umfassende Standortbestimmung der Bilanzierungspraxis in Deutschland. „Das IFRS-Regelwerk wurde euphorisch gefeiert, weil es angeblich das richtungsweisende System ist, das zudem die Weltsprache der Global Player darstellt. Das deutsche Bilanzrecht wurde hingegen einseitig als überholt und provinziell zum Auslaufmodell klassifiziert“, meint Küting. So eindeutig und einfach seien die Beurteilungen aber nicht. „Das IFRS-Regelwerk hätte schon viel früher auf den Prüfstand gehört. Diese Prüfung haben nicht allein die Hochschullehrer versäumt und verschlafen“, meint der Betriebswirt.

Infos zum Centrum für Bilanzierung und Prüfung.

(Quelle: Centrum für Bilanzierung und Prüfung an der Universität des Saarlandes)

 
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