Spiel mir das Lied vom Zins-Tod: Der Regisseur des Italo-Zins-Klassikers, Mario Draghi, wird bei seiner heutigen Pressekonferenz seine Zinspolitik vorstellen. Das Praxismagazin für Finanzthemen Onlineausgabe des Printmagazins Finanzen Markt & Meinungen.

 
 
08.09.2016 10:08 Uhr
ANLEIHEKAUFPROGRAMM DER EZB

Zinsentscheidung: Deutsche Banken leiden unter der EZB Niedrigzinspolitik

FrankfurtRheinMain, 08.09.2016 10:08 Uhr (Klaus Stopp)

Heute ist es wieder soweit - die erste Zins­ent­schei­dung der Euro­päi­schen Zentral­bank (EZB) nach der Sommer­pause steht an. UND: Mario Draghi wird am 28. September vor dem Europa-Ausschuss des Deut­schen Bundes­tages ausgiebig Gele­gen­heit haben, seine Zins­po­litik zu erklären.

Informationen zum Autor:
Klaus Stopp
Klaus Stopp ist Head of Market Making Bonds der Baader Bank.

Mario Draghi wird bei seiner heutigen Pressekonferenz sicherlich erneut betonen, dass man mit den bisher eingeleiteten Maßnahmen zwar noch nicht das Ziel erreicht, aber noch eine Vielzahl an Pfeilen im Köcher habe. Um seine Gedanken zum „Lied vom Zins-Tod“ näher zu erläutern, wird Draghi am 28. September vor dem Europa-Ausschuss des Deutschen Bundestages ausgiebig Gelegenheit haben. Denn es sind die deutschen Banken, die in besonderem Maße unter der extremen Niedrigzinspolitik der EZB leiden. Deshalb herrscht für Draghi ein gewisser Erklärungsbedarf gegenüber dem Deutschen Bundestag.

Hintergründe zum Gespräch mit EZB-Präsident Mario Draghi (externer Link).

Die Liste von Draghis Kritikern wird länger

Jens Weidmann, Axel Weber, Wolfgang Schäuble und nicht zuletzt Experten aus unserem Hause. Die Liste der Kritiker des Mario Draghi ist vor allem in Deutschland lang. Ende August hat sich nun auch noch John Cryan eingereiht. In ungewohnt scharfer Form hat der Chef der Deutschen Bank in einem Gastbeitrag für das „Handelsblatt“ die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) angegriffen.

Natürlich habe die Notenbank viel für Europa getan, attestiert er der EZB. Aber inzwischen wirkt die Geldpolitik laut Cryan den Zielen entgegen, die Wirtschaft zu stärken und das europäische Bankensystem sicherer zu machen. „Die erhofften positiven Effekte sind ausgeblieben“, stellt der Brite fest. Unternehmen hielten sich aufgrund der anhaltenden Unsicherheit mit Investitionen zurück und fragten kaum mehr Kredite nach. Damit werden die Ziele der Notenbank im Kern konterkariert. Cryan fordert vor diesem Hintergrund EZB-Präsident Mario Draghi zu einem Kurswechsel auf, sprich: Zum Ausstieg aus den Minuszinsen. Es könne nicht sein, so der Spitzenbanker, dass die Finanzaufseher höhere Sicherheitspolster von den Banken fordern, für diese zusätzlichen Reserven dann aber Strafzinsen verlangen. Der Zinsüberschuss, der die wichtigste Ertragsquelle der Banken darstellt, sei seit 2009 um 7 Prozent geschrumpft, stellt Cryan fest. Kein Geld aufzunehmen, sondern Geld vorzuhalten kostet Zinsen. „Sicherheit wird damit bestraft", resümiert Cryan.

Die Richtung der Notenbanken

Wer auf eine rasche Zinsanhebung durch die amerikanische Notenbank gesetzt hat, wurde in den vergangenen Monaten ein ums andere Mal enttäuscht und sieht nach den jüngsten US-Konjunktur- und Arbeitsmarktdaten nur noch eine geringe Chance auf eine baldige Zinserhöhung. Dennoch plädieren vereinzelt führende Repräsentanten der US-Notenbank Fed für eine baldige Änderung der Notenbankpolitik und argumentieren hierbei, dass der US-Arbeitsmarkt immer noch auf Erholungskurs sei und man Spielräume für die Zukunft schaffen müsse.

Immerhin meint die OECD, dass sich die Zeit der niedrigen Zinsen allmählich ihrem Ende entgegen neige. Denn nach ihrer Einschätzung haben die führenden Notenbanken weltweit ihre Möglichkeiten zur Konjunkturbelebung weitestgehend ausgeschöpft. Diese These steht allerdings im krassen Widerspruch zur Sichtweise des japanischen Notenbank-Gouverneurs Haruhiko Kuroda, der noch reichlich Spielraum für geldpolitische Maßnahmen sieht. Doch blieb er bisher schuldig, den Märkten mitzuteilen, an welche Schritte er dabei denkt. Am 21. September werden wir die Zinswelt vielleicht mit anderen Augen sehen, denn an diesem Tag werden die Vertreter der Notenbanken in Japan und in den USA zusammensitzen, um über künftige Maßnahmen zu beraten.

Die Erwartungshaltung an die EZB Zinspolitik

Doch zuvor gilt es den Worten von Mario Draghi zu lauschen. Die Erwartungshaltungen für die heutige Sitzung der EZB könnten nicht unterschiedlicher sein. So erhofft sich ein Teil der Marktteilnehmer Hinweise zu möglichen weiteren geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen wie einer zeitlichen Ausweitung der Ankaufprogramme, dem Wegfall der Zinsuntergrenze, der Streichung der prozentualen Volumenbegrenzung je Gattung oder die Einführung eines Staffelzinses, um sinnvolles Liquiditätsmanagement der Banken nicht noch zu bestrafen.

Zumindest für heute aber scheint sicher zu sein, dass eine weitere Absenkung der Zinsen nicht auf der Agenda steht und dass nach einer Notenbanksitzung auch stets vor einer Notenbanksitzung ist. Die nächste findet am 15. September in England statt und eine Woche später blicken wir nach Japan und den USA.

Maßanzüge für die EZB

Die Wirkung des Anleihekaufprogramms der Europäischen Zentralbank (EZB) lässt bekanntlich zu wünschen übrig. Von dem Inflationsziel 2 Prozent und einem Anspringen der Konjunktur im Euroraum ist man jedenfalls noch weit entfernt. Außerdem hat das Kaufprogramm, wie schon vielfach beschrieben, ohnehin eine marktverzerrende Wirkung.

Hinzu kommt nun ein weiterer Aspekt. So sind die Investmentbanken dazu übergegangen, zielgenau solche Anleihen maßzuschneidern, die von der EZB angekauft werden. Seit die EZB im März ihre Ankaufpläne verkündet hat, begaben die Banken EZB-fähige Firmenanleihen im Volumen von mehr als 110 Mrd. Euro. Das war mehr als das Doppelte gegenüber dem Vorjahreszeitraum und kann somit ohne Übertreibung als Emissionsboom bezeichnet werden.

Damit wurde ein weiterer Marktmechanismus außer Kraft gesetzt. Nicht von ungefähr hat die Tageszeitung „Die Welt“ bereits von einer Art Schulden-Bonanza geschrieben, die das Anleihekaufprogramm ausgelöst hat und am Ende zu einer Pleitewelle führen könnte. Anleihen, welche die Kriterien der EZB erfüllen, finden damit in der Notenbank ihre Käufer. Alles andere, etwa Bonds (Anleihen) von kleinen und mittleren Unternehmen, gehen leer aus - zumindest was den Einkaufszettel der EZB angeht. Die Schere zwischen den großen Emittenten, denen das Geld nachgeworfen wird, und den kleinen Unternehmen, die auch einen großen Beitrag zur Wirtschaftsleistung beitragen, geht immer weiter auseinander.

Insgesamt muss man feststellen, dass die EZB durchaus mit Hochdruck ihr Ankaufprogramm vorantreibt. So hat die Notenbank bisher im Wochenschnitt Corporate Bonds im Wert von ca. 1,7 Mrd. Euro erworben. Unverständlich erscheint es vor diesem Hintergrund, dass die EZB ihr Aufkaufprogramm und die damit verbundenen Kriterien so offen gegenüber dem Markt kommuniziert hat. Wenn eine Seite ihre Absichten so berechenbar zeigt, wie es die EZB getan hat, fällt es den anderen Marktteilnehmern leicht, darauf bereits im Vorfeld zu reagieren und die Marktmechanismen auszuhebeln. Hätte nicht einfach die bloße Ankündigung der EZB, ein Aufkaufprogramm starten zu wollen, genügt? Die Rolle als verdeckter Finanzmarktpolizist wäre vielleicht sinnvoller gewesen.

Erst jüngst musste auch die Bank von England feststellen, dass der Markt nicht die gewünschte Menge an Anleihen zur Verfügung stellte. Daraufhin wurde der Fehlbetrag auf die nächste Kaufaktion vorgetragen.

Der Autor dieses Artikels ist Klaus Stopp, Leiter der Skontroführung Renten bei der Baader Bank AG.

Disclaimer

Die Baader Bank AG ist eine der führenden Investmentbanken für die DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) und Marktführer im Handel von Finanzinstrumenten.
Als Market Maker ist die Bank für die börsliche und außerbörsliche Preisfindung von über 800.000 Finanzinstrumenten verantwortlich.
Im Investment Banking entwickelt sie Finanzierungslösungen für Unternehmen und bietet institutionellen Anlegern umfassende Dienstleistungen beim Vertrieb und dem Handel von Aktien, Anleihen und Derivaten.

Herausgeber:
Baader Bank AG
Weihenstephaner Str. 4
85716 Unterschleißheim
Deutschland
www.baaderbank.de

Redaktion:
Robert Halver,
Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank AG
Marc Schlömer, Kapitalmarktanalyse, Baader Bank AG

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