Die Situation des indischen Aktienmarktes aus Sicht eines Fondsmanagers kommentiert Avinash Vazirani, Fondsmanager des Jupiter India Select SICAV. Das Praxismagazin für Finanzthemen Onlineausgabe des Printmagazins Finanzen Markt & Meinungen.

 
 
26.11.2015 12:08 Uhr
SPEZIAL FINANZMARKT INDIEN

Jupiter Asset Fondsspezial | Reformtempo in Indien nimmt zu

London, 26.11.2015 12:08 Uhr (Gastautor)

Avinash Vazi­rani, Fonds­ma­nager des Jupiter India Select SICAV kommen­tiert die Entwick­lung des indi­schen Akti­en­marktes.

Der indische Aktienmarkt hat sich von den heftigen Turbulenzen an den globalen Schwellenmärkten in den letzten Monaten relativ unbeeindruckt gezeigt. (1) Die Dynamik nimmt infolge der richtungweisenden Reformen, die Indien zu einem Wachstumsschub verholfen haben, weiter zu. Dies wird in Verbindung mit einem äußerst positiven Geschäftsumfeld die nächste Wachstumsphase der indischen Wirtschaft tragen. Treffen mit Regierungsvertretern haben uns zudem davon überzeugt, dass die Regierung alles daran setzen wird, fiskal- und geldpolitische Maßnahmen aufeinander abzustimmen, um Indiens Niedriginflations- und -zinsphase beizubehalten.

(1) Jahresbeginn bis Ende Oktober: MSCI India Index (GBP) -4.2 %, MSCI Emerging Markets Index -10.5 % (Quelle: Bloomberg)

Eine der wichtigsten Reformen der Modi Regierung ist die Einführung eines allgemeinen sozialen Sicherungssystems, mit dem Ziel Abermillionen von Indern aus der Armut zu holen. Zum ersten Mal sollen Mindestlebensstandards festgeschrieben werden, um breite Bevölkerungsteile aus der Schattenwirtschaft in das reguläre Bankensystem zu führen. Über ein System zur Erfassung biometrischer Daten, das mit Bank- und Mobilfunkkonten verbunden ist, soll die Bevölkerung eine grundlegende Kranken- und Lebensversicherung sowie Sozialleistungen erhalten. Dadurch dürften sich der Verwaltungsaufwand und die Ineffizienz bei der Auszahlung von staatlicher Unterstützung dramatisch verringern.

Geschwindigkeit und Erfolg dieses Programms sind atemberaubend. Seit Einführung im September 2014 wurden 190 Millionen Bankkonten eröffnet und 165 Millionen Bankkarten ausgestellt. Da diese Bankkonten teilweise von mehr als einer Person genutzt werden, umfasst diese Zahl bereits einen Großteil der geschätzten 600 Millionen Inder, die vor Beginn des Programms keinen Zugang zu einem Bankkonto hatten. Infolge der vielen Kontoneueröffnungen – ca. 2 Millionen pro Woche – nimmt die Anzahl der 200 bis 300 Millionen Inder ohne Zugang zu einem Bankkonto rapide ab.

Initiative "Make in India" hat Erfolg

In Anbetracht dieser Zahlen wird leicht übersehen, dass auch andere Regierungsinitiativen zu einem starken Aufschwung am Arbeitsmarkt geführt haben. Das Programm „Make in India“, das ausländische Unternehmen zu einer Produktion in Indien bewegen soll, kann bereits erste Erfolge vorweisen. So entschloss sich der taiwanesische Elektronikgigant Foxconn, fünf Milliarden US-Dollar in den Bau einer Fertigungsanlage im Bundesstaat Maharashtra zu investieren. Außerdem wurde das Programm „Skill India“ ins Leben gerufen, das vier Millionen Indern Kompetenzen vermittelt, die der wachsenden indischen Wirtschaft weiter Auftrieb geben dürften. Auch das MUDRA-Programm zur Kreditvergabe an Kleinstunternehmen, das vor einigen Monaten noch in der Planungsphase schien, ist mittlerweile angelaufen und hat bereits 3,5 Milliarden US-Dollar an Krediten ausgeben. Im Rahmen dieses Programms vergeben Banken Darlehen an Kleinstunternehmen, wobei eine staatliche Behörde als Bürge fungiert. Nach Regierungsangaben wurden mindestens eine halbe Million neuer Arbeitsplätze geschaffen. Gleichzeitig ist klar, dass sich aus der zusätzlichen, von diesen neu gegründeten Unternehmen generierten Wirtschaftsaktivität ein Schub für das BIP ergibt.

Die Landwirtschaft ist ein weiterer Bereich, in dem die Regierung umfassende Reformen zur Produktivitätssteigerung eingeleitet hat. Diese soll durch eine Reihe von Maßnahmen erreicht werden. Als erster Schritt wird die Sicherstellung der Bewässerung von Feldern genannt. Bislang hatten Bauern sich nur auf den unberechenbaren natürlichen Niederschlag verlassen können. Die Finanzierung erfolgt über die landwirtschaftliche Kreditanstalt NABARD. Darüber hinaus wurde eine Ernteausfallversicherung in Pilotprojekten in ganz Indien getestet, die nächstes Jahr landesweit eingeführt werden soll. Im Rahmen dieses Programms können Bauern ihre Ernte versichern, sodass sie bei Trockenheit oder Schädlingsbefall eine Entschädigung erhalten. Des Weiteren wurde die „Soil Health Card“ eingeführt, eine Art Bodenausweis, der Bauern bei der Wahl der richtigen Düngemittel hilft und bereits von 60 Prozent aller Bauern genutzt wird. Alle diese Initiativen integrieren weitere ländliche Bevölkerungsteile in das formale Banken- und Sozialsystem und die reguläre Wirtschaft. Dies sorgt nicht nur für einen besseren Schutz ihrer Existenzgrundlage, sondern stellt aus Anlegersicht einen starken langfristigen Geschäftszuwachs für Banken und Versicherungen dar. Wir werden diesen Bereich daher weiter beobachten.

Nach Jahren der Stagnation hat auch der Infrastrukturausbau unter der Regierung von Narendra Modi wieder Fahrt aufgenommen. Momentan werden in Indien pro Tag 18 neue Autobahnkilometer gebaut. Ein zuvor gestopptes Projekt zur Weiterentwicklung indischer Häfen wurde wieder aufgenommen und neue Verträge an Baufirmen vergeben. Die größten Infrastrukturprojekte in Indien betreffen den Schienenverkehr. Hierfür hat die Regierung den immensen Betrag von 8,5 Billionen Rupien (ca. 150 Milliarden US-Dollar) vorgesehen. Zum ersten Mal in der Geschichte Indiens wird diese Summe einen festen Anteil an staatlichen Haushaltsmitteln beinhalten. Die Verträge für den Schienenausbau wurden bereits vergeben und die Modernisierung des indischen Verkehrssystems ist in vollem Gange.

Was die öffentlichen Finanzen betrifft, hat sich die neue Regierung vorgenommen, Investitionsgelder an die Bundesstaaten zu vergeben, welche die indische Republik bilden. Infolge neuer Gesetze werden nun ca. 42 Prozent der Bundessteuern direkt an die Bundesstaaten weitergegeben – zuvor waren es nur 32 Prozent. Das neue Gesetz zur Einführung einer Steuer auf Güter und Dienstleistungen soll die unterschiedlichen Umsatzsteuerregelungen in den einzelnen indischen Bundesstaaten zugunsten einer einzigen nationalen Umsatzsteuer ersetzen. Dies dürfte sich aufgrund der somit geringeren Betriebsaufwendungen überaus positiv auf die Unternehmensumsätze auswirken. Der Gesetzesentwurf stößt bei der parlamentarischen Opposition jedoch auf erbitterten Widerstand und liegt daher momentan auf Eis. Auch hier sind wir der Ansicht, dass es sich um eine Reform handelt, deren Vorteile für beide Seiten eindeutig sein sollten. Selbst für jene Abgeordneten, die die Verabschiedung des Gesetzes momentan noch blockieren. Immerhin besteht kein Zweifel daran, dass dies ein weiterer Schritt ist, der sich äußerst vorteilhaft auf den Staatshaushalt auswirken und somit zur Reduzierung der Inflation beitragen wird. Es herrscht lediglich etwas Unklarheit, welchen Anteil die einzelnen Bundesstaaten auf diese Steuer aufschlagen und welchen sie für sich behalten dürfen – tatsächlich können sie 1 Prozent zusätzlich über einen begrenzten Zeitraum von zwei Jahren verlangen.

Indes hat die Regierung wenig Spielraum, um Einfluss auf Änderungen der Geldpolitik oder die Inflationsziele der unabhängigen Zentralbank auszuüben. Dennoch sehen wir uns durch jüngste Gespräche mit Regierungsvertretern darin bestätigt, dass die Regierung alles Notwendige unternehmen wird, um fiskalpolitische Maßnahmen auf die Geldpolitik abzustimmen. Damit kann sie sicherzustellen, dass Risiken für Indiens derzeitiges, von niedriger Inflation und geringen Zinsen geprägtes Marktumfeld angemessen und rasch begegnet wird.

Indien Government Webseite

Die Regierung konnte allerdings in der Tat eine Reform im geldpolitischen Bereich durchsetzen – eine Neustrukturierung des indischen Bankensektors. Die Ausgabe von 21 neuen Lizenzen – elf an Zahlungsbanken und zehn an kleine Finanzierungsbanken – sind Teil einer Umstrukturierung eines Sektors, dem man eine risikoscheue Kreditvergabepolitik, Handlungsschwäche beim Umgang mit notleidenden Krediten und unzureichende Autonomie bei der Vergabe von Positionen in Vorstand und Geschäftsführung vorwirft. Die neuen Mitbewerber im Bankensektor sind ein positives Zeichen. Ein neues Insolvenzgesetz wird den bestehenden Marktteilnehmern ein Instrument zur Bekämpfung fauler Kredite geben, die ihnen zuvor nicht zur Verfügung standen, und es wird sogar über die Einführung eines Abwicklungsfonds diskutiert, der einige dieser Vermögenswerte aufnehmen könnte.

Die letzte Maßnahme, welche die Ernennung von Vorständen betrifft, ist Teil des erweiterten Plans der Regierung zur Bekämpfung von Korruption auf Vorstandsebene und zur Verbesserung der Corporate Governance von Banken sowie Staatsunternehmen. In diesem Bereich macht die neue Regierung enorme Fortschritte und sendet mit dem Ausschluss von nicht geschäftsführenden Vorstandsmitgliedern, die sich nicht an die neuen Corporate-Governance-Standards halten, eine klare Botschaft an staatseigene Unternehmen. Die Erfolge dieser Maßnahmen werden sich erst nach einiger Zeit zeigen, die Botschaft ist jedoch eindeutig: Unserer Ansicht nach waren die Aussichten für indische Unternehmen noch nie besser.

(Quelltext: Jupiter Asset Management Limited)

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