Robert Halver, Kapitalmarktexperte der Baader Bank, analysiert die Konsequenzen des Brexit für die Finanzmärkte. Das Praxismagazin für Finanzthemen Onlineausgabe des Printmagazins Finanzen Markt & Meinungen.

 
 
18.07.2016 10:39 Uhr
BAADER BANK FINANZMARKTANALYSE

Robert Halver Marktkommentar zum Thema Brexit und Japans Geldpolitik

Frankfurt/Main, 18.07.2016 10:39 Uhr (Robert Halver)

Robert Halvers Meinung zum BREXIT: In Europa sind Halb­werts­zeiten von poli­ti­schen Äuße­rungen eher kurz. JAPAN: Die neuen Staats­aus­gaben werden mutmaß­lich durch Staats­an­leihen mit unend­li­cher Lauf­zeit finan­ziert.

Informationen zum Autor:
Halver Robert
Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG. Bereits seit 2012 berichtet er auf FMM-Magazin.de über die Geschehnisse an den Börsen. Baader betreut an den Börsenplätzen Frankfurt, München, Stuttgart, Düsseldorf und Berlin u.a. den Handel mit Aktien, Anleihen, Derivaten und Fonds.

Schneller als erwartet hat Großbritannien eine neue Premierministerin. Frau May macht klar: Brexit bedeutet Brexit. Mit der Ernennung von Hauptprotagonisten der Ausstiegs-Bewegung zum neuen Außenminister - Boris Johnson - bzw. zum Leiter der Ausstiegsverhandlungen mit der EU - David Davis - verleiht sie ihrer klaren Haltung vermeintlich Nachdruck. Unmittelbar nach dem Brexit-Referendum sind die politischen Wunden noch zu frisch, um bereits jetzt die Brexit-Diskussion in ruhiges Fahrwasser zu bringen. Frau May hat im Moment gar keine andere Wahl als sich very british zu zeigen.

Doch ist zu bedenken, dass in Europa Halbwertszeiten von politischen Äußerungen eher kurz sind. Und tatsächlich spielt Frau May insgeheim bereits auf Zeitgewinn: Nicht vor Jahresende wolle sie einen Antrag auf Austritt stellen. Das ist ein klarer Widerspruch zu ihrem starken Brexit-Auftreten. Wenn sie doch unbedingt austreten will, warum dann noch Zeit verlieren? Klug und politisch gewieft weiß Frau May natürlich, dass ein Brexit rational betrachtet - ohne pathetisches und British Empire-Gehabe - ein großes politisches und wirtschaftliches Risiko für Großbritannien ist. Sie muss retten, was zu retten ist. Zunächst muss aber im Inland der Brexit an medialer Bedeutung verlieren und in der EU so mancher politische Durchlauferhitzer in puncto „Briten raus“ abgekühlt werden.

Es braucht also Zeit, in der man in „inoffiziellen Austrittsverhandlungen“ den Weg für pragmatische Lösungen sucht. Dabei gibt es selbstverständlich widerstrebende Interessen. Einerseits kann die EU den Briten keinen so guten Deal anbieten, der ihren Austritt noch belohnen würde und zu Nachahmeffekten führen könnte. Andererseits wird es Frau May schwer haben, ein Austrittsergebnis zu präsentieren, dass ihren britischen Landsleuten deutliche Wohlstandseinbußen einbringt. Berücksichtigt man noch die dramatischen rechtlichen Herausforderungen in puncto Zugang zum EU-Binnenmarkt und Finanzmarktfragen, ist es durchaus vorstellbar, dass die Scheidungsfrist deutlich über die vorgesehenen zwei Trennungsjahre hinausgeht.

Deutschland sucht nach dem Brexit engen Kontakt zu Großbritannien

Erneut muss festgestellt werden, dass die Bundesregierung im Gegensatz zu Frankreich oder Italien ein vitales Interesse an einem auch zukünftig engen Verhältnis von Großbritannien zur EU hat. Die stabilitäts- und marktwirtschaftlich orientierte Achse London - Berlin kämpft seit langem gegen die reformfeindliche Achse Paris - Rom, die eine Schulden-EU mit Finanzierung durch die Notenbank präferiert.

Bis also geklärt ist, ob der Brexit tatsächlich pur oder als Light-Version oder nach Brexit der Re-Brexit kommt, wird dieses grundsätzlich brisante politische Thema an Gefahrenpotenzial deutlich einbüßen.

An den Finanzmärkten setzt sich diese geläuterte Einsicht bereits durch. Das britische Pfund - gewichtet gegenüber den bedeutendsten Handelswährungen - scheint nach der rasanten Abwertung in Folge des Brexit-Votums einen Boden gefunden zu haben. Und die Volatilität britischer Aktien gemäß FTSE 100 Volatilitätsindex ist auf das niedrige Niveau vor dem Brexit-Referendum im Mai zurückgekehrt.

Auf Jahreshoch befindet sich der britische Aktien-Leitindex FTSE 100. Da die in ihm gelisteten Unternehmen 75 Prozent ihrer Umsätze außerhalb Großbritanniens erzielen, profitiert er exportseitig von der grundsätzlichen Pfund-Schwäche. Hinzu kommen geldpolitische Lockerungsabsichten der Bank of England, die über Zinssenkungen und ausgeweitete Anleiheaufkäufe eine Liquiditätshausse nähren. Auf der fundamentalen Ebene profitieren britische Aktien von der politisch allerdings noch wenig ausgegorenen Vision einer britischen Power-Ökonomie, die versucht, über Steurer-, Sozial- und Währungs-Dumping sowie Deregulierung des Londoner Finanzplatzes zu einer der wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der Welt zu werden.

Japan spielt endlich die letzte, aber entscheidende binnenwirtschaftliche Karte

Die beispiellose geldpolitische Liquiditätsexpansion der japanischen Notenbank ist ziemlich ohnmächtig in der Stimulierung der Exportwirtschaft. Denn durch weltweit überall fallende Zinsen hat das Land seinen Niedrigzinsvorteil gegenüber anderen Währungsräumen verloren. Die zusätzliche Aufwertung des in Asien als sicherer Hafen geltenden Yens hat durch das Brexit-Votum noch einmal an Dynamik zugelegt. Nicht zuletzt trägt die mit der Yen-Aufwertung einhergehende Verbilligung der Importpreise zu einem dramatischen Verfall der Inflation bei.

Sicherlich kommt die Aufwertung des Yen ausländischen Investoren aus dem US-Dollar- und Euroraum zugute. Die Währungsgewinne wirken wie eine Absicherung gegen die Kursverluste japanischer Aktien.

Baader Bank Bloomberg japanische Staatsanleihen

Fundamental ist jedoch unverkennbar, dass Japans Wirtschaft deflationiert. Die japanische Regierung hat ihre Wachstumsprojektion für 2016 deutlich auf 0,9 von zuvor 1,7 Prozent reduziert.

Nach den gewonnenen Oberhauswahlen und damit deutlich mehr politischem Gestaltungsspielraum setzt Japans Premierminister Abe auf die Binnenwirtschaft. Die für April 2017 geplante Mehrwertsteuererhöhung wurde auf Oktober 2019 verschoben, um die Konsumneigung nicht nachhaltig zu beschädigen. Zudem soll die japanische Inlandsnachfrage im Rahmen eines umgerechnet mindestens 100 Mrd. US-Dollar starken Nachtragshaushalt angekurbelt werden. Damit werden neben konsumorientierten Maßnahmen umfangreiche Infrastrukturprojekte gefördert.

Die neuen Staatsausgaben werden mutmaßlich durch Staatsanleihen mit unendlicher Laufzeit finanziert. Da kaum ein Anleiheinvestor weltweit bereit sein dürfte, japanische Anleihen zum aktuellen Niedrigzinsniveau bei zusätzlichem Währungsrisiko zu erwerben, kommt als Käufer nur die Bank of Japan in Frage. Ihre Rolle als „Hausbank der japanischen Regierung“ wird zukünftig noch bedeutender. Aktuell beträgt der Anteil der von ihr gehaltenen japanischen Staatsanleihen bereits rund 35 Prozent. Über noch umfangreichere Anleihekäufe drückt sie die Anleiherenditen noch mehr und damit auch die Kreditzinsen für die japanische Volkswirtschaft.

Der Autor dieses Artikels ist Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG. www.bondboard.de

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Als Market Maker ist die Bank für die börsliche und außerbörsliche Preisfindung von über 800.000 Finanzinstrumenten verantwortlich.
Im Investment Banking entwickelt sie Finanzierungslösungen für Unternehmen und bietet institutionellen Anlegern umfassende Dienstleistungen beim Vertrieb und dem Handel von Aktien, Anleihen und Derivaten.

Herausgeber:
Baader Bank AG
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85716 Unterschleißheim
Deutschland
www.baaderbank.de

Redaktion:
Robert Halver,
Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank AG
Marc Schlömer, Kapitalmarktanalyse, Baader Bank AG

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