Die Maßnahmen der Notenbanken allen voran die der EZB scheinen Wirtschaftspolitisch nicht zu greifen. Robert Halver analysiert die Gründe. Das Praxismagazin für Finanzthemen Onlineausgabe des Printmagazins Finanzen Markt & Meinungen.

 
 
24.03.2016 11:45 Uhr
HELIKOPTER-GELD DER NOTENBANKEN

Robert Halver stellt die aktuelle Geldpolitik der Notenbanken EZB und Co vor

FrankfurtMain/München, 24.03.2016 11:45 Uhr (Robert Halver)

Laut Albert Einstein ist die Defi­ni­tion von Wahn­sinn, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergeb­nisse zu erwarten. Auf die EZB bezogen heißt das, immer wieder die Geld­po­litik zu miss­brau­chen, um auf ein anderes Ergeb­nis - die Konjunk­tur­sti­mu­lie­rung - zu hoffen.

Informationen zum Autor:
Halver Robert
Robert Halver ist Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG. Baader betreut an den Börsenplätzen Frankfurt, München, Stuttgart, Düsseldorf und Berlin u.a. den Handel mit Aktien, Anleihen, Derivaten und Fonds.

Mario Draghi will den Aufschwung mit seiner Geldpolitik erzwingen. Auf der letzten EZB-Sitzung gestand er sogar ein, dass man das Konzept von „Helicopter-Geld“ zumindest „beobachten müsse“. Dabei würde die Notenbank de facto Geld zur Ankurbelung der Wirtschaft direkt an Haushalte ohne jegliche Gegenleistung verschenken.

Die allgemein diskutierten Vorschläge reichen von einem Geldtransfer an Euro-Staaten, die das Geld in Form von Steuererleichterungen oder Schenkungen dann an ihre Bürger weitergeben - in der Finanzkrise 2008 erhielten US-Amerikaner solche Steuergutschriften von insgesamt 150 Mrd. US-Dollar - bis zu einem direkten Geldtransfer der EZB an die Euro-Bürger, in der Hoffnung den Konsum und schließlich die Wirtschaft anzukurbeln. Abgesehen von zahlungstechnischen Hindernissen ist es absurd, an die Wirksamkeit dieser Maßnahmen zu glauben. Das unübersehbare Scheitern der bisherigen Geldpolitik wäre damit dokumentiert. Wenn selbst Notenbanken kapitulieren, ist steigendes Misstrauen und Verunsicherung in unserem Finanzsystem nicht mehr zu verhindern. Im besten Fall führten die geldpolitischen Wohltaten - die man ja ausgeben müsste, damit sie nicht verfallen - nur zu einem konjunkturellen Einmal-Effekt, einem Strohfeuer. Eine nachhaltige Wirkung wäre nur dann zu erwarten, wenn sich die allgemeine Konsum- und Investitionsstimmung bessern würde.

Davon ist nicht auszugehen. Dann würden die Wirtschaftsteilnehmer aber erwarten, dass der nächste Geldscheck verabreicht würde. Zum Schluss befänden wir uns in einer Daueralimentierung, die jeder persönlichen Anstrengung entgegenwirkt und damit das Leistungsprinzip ausschaltet. Diese Idee ist im wahrsten Sinne des Wortes Wahnsinn. Was haben die EZB und das Raumschiff Enterprise gemeinsam? Beide erreichen Galaxien, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Eine sinnvolle Alternative wäre es dagegen, wenn die Euro-Staaten die zu negativen Renditen mögliche Staatsneuverschuldung zur infrastrukturellen Standortverbesserung nutzten.

Raumschiff Enterprise Moviepilot

Die EZB glaubt an das Wirtschaftswunder

Neben ihrer extrem großzügigen Liquiditätsausweitung und Senkung des Einlagenzinssatzes auf minus 0,4 Prozent kauft sie nun auch Nicht-Banken-Unternehmensanleihen von mindestens Investment Grade-Bonität auf. Nach Senkung der Renditen von Staatsanleihen will man nun auch die Finanzierung von Papieren des Unternehmenssektors erleichtern. Seit Mitte 2015 hatten nämlich die Russland-Sanktionen, die Nachfrageschwäche der Rohstoffländer und die Ängste vor einem hard landing Chinas zu steigenden Risikoaufschlägen 10-jähriger Unternehmensanleihen (BBB) zu deutschen Staatsanleihen gleicher Laufzeit geführt.

Der Blick der Fed geht weit über den nationalen Tellerrand hinaus

Eine eigenständige Geld- und Zinspolitik der Fed aufgrund der finanz- und realwirtschaftlichen Globalisierung ist der US-Notenbank ohnehin längst nicht mehr möglich. Ihr ist das Risiko sehr bewusst, dass Leitzinsanhebungen Kapitalströme aus den Schwellenländern in die USA in Gang setzen. An Attraktivität gewinnende US-Zinsanlagen bei gleichzeitigen Währungsgewinnen konkurrieren mit unsicheren Investitionsbedingungen in China und Lateinamerika. Käme es dort zu Investitionsausfällen, hätte die Fed nicht zuletzt auch der Weltwirtschaft einen schlechten Dienst erwiesen. Dieser Verantwortung ist sich Frau Yellen sehr bewusst. Sie ist die Schutzheilige der Schwellenländer. Denn angesichts ihrer hohen US-Dollar-Verschuldung kommt ihnen die Dollar-Abschwächung - über die Leitzinsentspannung - bzw. ihre Währungsaufwertung sehr zugute. Die Staatshaushalte werden so auf der Kostenseite entlastet.

Die zurückhaltende Zinsrhetorik der Fed verfehlt ihre Wirkung auch nicht bei Rohstoffen. Die Umkehrung der Dollar-Aufwertung hat zur Erholung der Rohstoffpreise beigetragen, die sich aus Gründen der Absicherung grundsätzlich entgegengesetzt zum US-Dollar entwickeln. So können sich die Staatshaushalte der Rohstoffländer auf der Einnahmenseite entspannen.

Die Bank of Japan hat sich für eine andere konjunkturelle Stoßrichtung entschieden

Die bisherige geldpolitische Expansion Japans hat nicht zum gewünschten Erfolg einer Währungsabwertung des Yen und damit einer exportseitigen Stimulierung der japanischen Volkswirtschaft geführt. Im Gegenteil, abgesehen davon, dass der japanische Yen als sicherer Hafen in Asien gilt, hat er seit Sommer 2015 trotz dramatischer Schwächungsversuche deutlich aufgewertet. Eine damit einhergehende Verbilligung der Importpreise hat zu einem dramatischen Verfall der Inflation beigetragen.

De facto ist die Bank of Japan ihrem Ziel der Deflationsbekämpfung seit Beginn ihrer Liquiditätsoffensive Anfang 2013 kein Stück näher gekommen. Denn auch die Inflationserwartungen haben deutlich nachgegeben.

Grundsätzlich hat man in Japan verstanden, dass der globale Währungsabwertungswettlauf ein Nullsummenspiel ist, bei dem keine Notenbank nachhaltig seine Währung abschwächen kann. Japan beschreitet einen anderen Weg der konjunkturellen Stützung: Die binnenwirtschaftliche Karte wird gezogen. Dabei liegt der Fokus auf staatlichen Infrastrukturmaßnahmen und einer Dynamisierung der unter Überalterung leidenden japanischen Binnennachfrage. Hiermit will man auch privatwirtschaftliche Investitionen anstoßen, um insgesamt der Deflation zu entkommen. Auch bei dieser Strategie bleibt die Geldpolitik von allergrößter Bedeutung. Sie ist seit 2013 der alleinige Finanzierer der japanischen Neuverschuldung.

Der Autor dieses Artikels ist Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG.

Disclaimer

Die Baader Bank AG ist eine der führenden Investmentbanken für die DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) und Marktführer im Handel von Finanzinstrumenten.
Als Market Maker ist die Bank für die börsliche und außerbörsliche Preisfindung von über 800.000 Finanzinstrumenten verantwortlich.
Im Investment Banking entwickelt sie Finanzierungslösungen für Unternehmen und bietet institutionellen Anlegern umfassende Dienstleistungen beim Vertrieb und dem Handel von Aktien, Anleihen und Derivaten.

Herausgeber:
Baader Bank AG
Weihenstephaner Str. 4
85716 Unterschleißheim
Deutschland
www.baaderbank.de

Redaktion:
Robert Halver,
Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank AG
Marc Schlömer, Kapitalmarktanalyse, Baader Bank AG

Über mögliche Interessenkonflikte und rechtliche Hinweise informieren Sie sich bitte im Disclaimer auf http://www.bondboard.de/Newsletter/Disclaimer.

 

  • Finanzen
  • Notenbanken
 
Artikel »   Drucken Versenden

 


Kommentar schreiben »



Kommentar:
Bei einer Antwort möchte ich per Email benachrichtigt werden an
      meine Emailadresse: (wird nicht veröffentlicht)

Bitte übertragen Sie die dargestellte Zeichenfolge in das rechte Feld:

* Bitte halten Sie sich an die Netikette und vermeiden persönliche Anschuldigungen, Beleidigungen und Ähnliches. Verbreiten Sie außerdem keine Unwahrheiten, Vermutungen, Gerüchte sowie rufschädigende oder firmeninterne Informationen. Beachten Sie die Rechte Anderer und urheberrechlich geschützter Quellen. Bei rechtlichen Verstößen haften Sie in vollem Umfang. Aus diesem Grund sind wir gezwungen, Ihre IP-Adresse und Ihren Provider zu speichern. Mit dem Speichern Ihres Kommentars erklären Sie sich mit diesen Regelungen einverstanden.

 

Weitere Artikel zum Thema:

nach oben
Schnellnavigation-Wichtige Infos im Blick
LIVE Rohstoffnotierungen

Die Rohstoffpreise werden Ihnen von Investing.com Deutsch zur Verfügung gestellt.
Marktkommentare von der Frankfurter Börse
Ausgewählte LIVE Aktienwerte
Die führenden Aktien werden Ihnen von

Investing.com Deutsch zur Verfügung gestellt.

LIVE Börsenindizes

Die weltweiten Indizes werden Ihnen von

Investing.com Deutsch zur Verfügung gestellt.

Börse - Themen Specials

Börsenwissen: Was ist Volatilität?

Google Vortrag zum Thema Finanzgeschäfte

Vortrag von Salvatore Pennino, Industry Leader Finance Google Germany. Das Thema "Next Generation Banking." Ein interessanter Einblick, welche Ideen Google hat und spannende Informationen über Hintergründe zu Suchbegriffen.

Finanzexperten-Forum auf FMM-Magazin.de
Finanzwissen - Produkte & Handelssysteme
Börse für Privatanleger
Das Xetra-Orderbuch bietet Privatanlegern Transparenz beim An- und Verkauf von Aktien

Erklärung und Handel...
Finanz-x-press
Abonnieren Sie den Finanzen Markt & Meinungen Newsletter:
 

 
Finanzen Markt & Meinungen - Das Praxismagazin für Finanzthemen
Onlineausgabe des Printmagazins Finanzen Markt & Meinungen.

Portalsystem 2016 © FSMedienberatung
Contentservice: Javascript Newsticker für Ihre Internetseite RSS Feed XML 0.9
0,546 Sek.