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Geldpolitik der EZB: Was sind eigentlich die Leitzinsen?

Dokument: Düsseldorf, 06.07.2012 14:15 Uhr (Finanzredaktion)

Nach der jüngsten Zinssenkung durch die Europäische Zentralbank ist die Reaktion der Finanzbranche und der Wirtschaft eher verhalten. Im welchen Zusammenhang stehen die Leitzinsen zur Wirtschaft und zur Finanzbranche?

Kurz-Zusammenfassung (Facts):
Banken und Wirtschaft sehen die Leitzinssenkung eher verhalten.

Der Bankenverband: „Die konjunkturellen Wirkungen einer Zinssenkung auf so niedrigem Niveau sollten allerdings nicht überschätzt werden.“

Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken: „Die heutige Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) von 1,0 auf 0,75 Prozent trägt angesichts der ohnehin schon niedrigen Zinsen am Geldmarkt nur wenig zur Belebung der Konjunktur im Euroraum bei.“

Die Wirtschaft: "Für verständlich, aber nur bedingt wirksam hält Alexandra Böhne, Leiterin des Referats Europapolitik, Währungsunion beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), die gestrige Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB)…“

Shortcut: „Die Leitzinsen der Europäischen Zentralbank“

Zinssatz für das Hauptrefinanzierungsgeschäft
Dieser Zinssatz ist der wichtigste Leitzins der EZB und wird daher häufig auch als „der“ Leitzins bezeichnet. Zu diesem Zinssatz wird den Geschäftsbanken in einem wöchentlichen Tenderverfahren Zentralbankgeld zur Verfügung gestellt.

Spitzenrefinanzierungsfazilität
Zu diesen Zinssatz können Banken – sofern sie entsprechende Sicherheiten hinterlegt haben – unbegrenzt und „über Nacht“ Liquidität aus dem Eurosystem bekommen. Da eine Geschäftsbank bei kurzfristigen Liquiditätsbedarf im Interbankenhandel nicht bereit sein wird, einen höheren Zins als den Satz für die Spitzenrefinanzierungsfazilität zu bezahlen, stellt der Zins für die Spitzenrefinanzierungsfazilität faktisch die obere Zinsgrenze für das Tagesgeld dar.

Einlagefazilität
Zu diesen Zinssatz können Banken überschüssiges Zentralbankguthaben bis zum nächsten Geschäftstag im Eurosystem anlegen. Da sich beim Geldausleihen im Interbankenhandel keine Geschäftsbank mit einem niedrigeren Zins begnügen wird, bildet die Einlagefazilität in der Regel die Untergrenze des Tagesgeldsatzes.

Ausführliche Stimmen

Bankenverband: "Die heutige Zinssenkung der Europäischen Zentralbank ist angesichts der wirtschaftlichen Schwäche im Euro-Raum und des nachlassenden Preisauftriebs grundsätzlich nachvollziehbar", erklärt Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes. Die konjunkturellen Wirkungen einer Zinssenkung auf so niedrigem Niveau sollten allerdings nicht überschätzt werden.

Für die unmittelbaren Probleme im Zusammenhang mit der europäischen Staatsschuldenkrise könne die EZB nach Einschätzung des Bankenverbandes lediglich Zeit kaufen. Die Geldpolitik der EZB könne weder die dringend erforderlichen Strukturreformen in den Euro-Staaten ersetzen, noch das verloren gegangenen Vertrauen in die Staatsfinanzen beheben. Mehr noch: Kemmer mahnt, dass die Politik des Zeitkaufens auch Nebenwirkungen habe und sich nicht unbegrenzt fortsetzen lasse. "Das außergewöhnlich niedrige Zinsniveau und die sehr reichliche Liquiditätsversorgung können die Sanierungsbemühungen angeschlagener Banken verzögern und zu verzerrten Risikoeinschätzungen der Investoren führen. Damit steigen die gesamtwirtschaftlichen Risiken, je länger diese Politik anhält. Es bleibt dabei, für die Lösung der Staatsschuldenkrise gibt es keine homöopathische Medizin. Sie lässt sich nur durch überzeugende politische Weichenstellungen und tiefgreifende Reformen überwinden."

Diese Reaktion ist ähnlich vom Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken zuu hören (hier) und auch die Wirtschaft meldet sich:

„Für verständlich, aber nur bedingt wirksam hält Alexandra Böhne, Leiterin des Referats Europapolitik, Währungsunion beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), die gestrige Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB)…“

Böhne: "Die Euro-Zone sollte ihre Hoffnungen nicht auf niedrige Zentralbankzinsen setzen". Angesichts der langsameren konjunkturellen Gangart in einigen Ländern Europas sei die EZB-Zinssenkung zwar nachvollziehbar.

"Die Effekte dürften aber aufgrund des ohnehin niedrigen Zinsniveaus gering sein", so die DIHK-Währungsexpertin. "Zu hohe Schulden und Wachstumsschwäche lassen sich nur mit Ausgabendisziplin und Reformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit überwinden."

(Quelle: DIHK,Bankenverband,BVR)
(Foto: Peter Kirchhoff;pixelio.de)

 
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