Die britische Wochenzeitschrift The Economist titelt in ihrer letzten Ausgabe, das es eine Googlephobia in Deutschland gibt. Die Deutschen sollten lieber bessere Strukturen für Start-ups schaffen. Das Praxismagazin für Finanzthemen Onlineausgabe des Printmagazins Finanzen Markt & Meinungen.

 
 
08.09.2014 14:06 Uhr
DEUTSCHLANDS DIGITALE ZUKUNFT

Googlephobia in Deutschland: Der Widerstand gegen US Technologieunternehmen

London/Düsseldorf, 08.09.2014 14:06 Uhr (Frank Schulz)

Die Kritik nach der Präsen­ta­tion der Digi­talen Agenda 2014-2017 durch die Bundes­re­gie­rung ist nicht verstummt. Vielen sind die Inhalte zu wage und ohne Konkre­ti­sie­rung für Hand­lungs­maß­nahmen. Inter­na­tio­nale Medien wie The Econo­mist sind der Meinung, dass es in Deutsch­land zu verkrus­tete Struk­turen gibt. Lesen sie hier die Über­set­zung des Leit­ar­ti­kels.

Informationen zum Autor:
Redaktion seit 2007 und Gründer von FMM-Magazin. Erfahrungen in der Finanzindustrie seit 2003 u.a. bei Gruner + Jahr (Financial Times Deutschland) und der OnVista Group.

Vorwort: Wie The Economist in einem Leitartikel darlegt, sind viele der überzogenen Reaktionen gegen Google in Deutschland kontraproduktiv. Der Schutz der Privatsphäre ist wichtig, aber der Widerstand gegen die US-Techfirma seitens Politik und Wirtschaft ist kurzsichtig und selbstzerstörerisch. Ein europäischer Binnenmarkt für digitale Serviceprovider und weniger rigide Regulierungen für Start-ups wären der bessere Weg, um Deutschlands digitale Zukunft zu sichern, als das Anprangern von Innovatoren aus dem Ausland, nur weil sie groß und amerikanisch sind. In diesem Artikel wird zudem die unterschiedliche Mentalität der deutschen und angloamerikanischen deutlich.

VERBOTEN - scheint die Standardreaktion in Deutschland für digitale Innovatoren zu sein.

Gerade verhängte ein Gericht in Frankfurt eine einstweilige Verfügung über Uber, dem beliebten Fahrt-Sharing-Dienst, der in Silicon Valley gegründet wurde. Der Fall wurde von der Deutschen Taxi-Industrie aufgerollt, die argumentiert, dass der Dienst Sicherheitsrisiken darstellt und die Gesetze zum Passagier-Transport im Lande bricht.

An sich wäre das Uber Verbot kein großes Ding. Das Unternehmen verärgert auch in anderen Ländern etablierte Taxibetreiber. Aber es ist ein weiteres Zeichen aus Deutschland für die wachsende Feindseligkeit gegen amerikanische Technologiefirmen. Google (dessen Vorstandsvorsitzender, Eric Schmidt auch ein Mitglied im Vorstand des Mutterunternehmens vom The Economist ist) ist besonders in den Fokus einer zunehmend, hysterischen Kritik geraten.

Mathias Döpfner, Chef von Axel Springer und Deutschlands größter Zeitungsverlag, hat Google mit dem Riesen Fafner in Wagners "Ring des Nibelungen" verglichen. Zeitungsartikel bezeichnen das Unternehmen als "Krake", die jedoch zusätzliche Tentakeln hätte. Wenn Ende letzten Jahres herausgekommen wäre, dass Google eine Flotte von Lastkähnen mit Containern montiert hätte, würde es darüber Spekulationen wimmeln, ob das Unternehmen ein schwimmendes Reich außerhalb der Kontrolle der Nationalstaaten aufbaut.

Die deutschen Ängste haben politische Folgen. Sigmar Gabriel, der (deutsche) Wirtschaftsminister, hat vorgeschlagen, dass die Gesellschaft aufgesplittet werden soll. Deutschland übt auf Joaquín Almunia, Europas höchstem Wettbewerbskommissar Druck aus, damit eine Einigung die im Februar diesen Jahres von seinem Team mit dem Online-Riesen verhandelt wurde wieder aufgelegt wird, um Google-Konkurrenten in seinen Suchdiensten sichtbarer zu machen.

Es ist durchaus sinnvoll, auf den Missbrauch von Monopolmacht digitaler Giganten, die ihre Märkte in der Art wie Amazon, Facebook und Google führen zu reagieren. Leistungsstarke Netzwerkeffekte machen es den Wettbewerbern schwer Schritt zu halten. Wenn Google diese Macht missbraucht, sollte es bestraft werden. Herr Almunia hat einige Verletzungen gefunden und eine Einigung erzielt.

Aber es gibt keinen glaubwürdigen Grund, dass die drastischen Mittel, die die deutschen Politiker wollen-, nämlich dass Google als eine "wesentliche Einrichtung" wie Gas-und Stromnetze behandelt werden soll oder sogar aufgesplittet werden sollte, damit dies dem Verbraucher zugutekommt.

Silicon Valley wird zum Silicon Bösewicht

Es ist ebenso legitim sich um die Privatsphäre zu fürchten - diese Zeitschrift (The Economist) hat sowohl Facebook und Google in dieser Hinsicht kritisiert. Es ist zudem verständlich, dass eine Gesellschaft, die noch Narben von staatlicher Überwachung unter den Nazis und der Stasi trägt, besonders vorsichtig ist, aber es sollte auch akzeptieren, dass die Verbraucher freie Hand über ihre Daten haben und schließlich auch etwas zurück bekommen.

Die digitale Phobie in Deutschland wird nicht nur vom kulturellen Gedächtnis geprägt, sondern auch von Firmen angetrieben, die den Staat aufrufen ihre Geschäftsmodelle zu schützen und Konkurrenten draußen zu halten. Springer hat mehr politischen Einfluss in Berlin als jedes amerikanische hohe Tier in Washington genießt, und es ist Lobbyarbeit bei Herrn Almunia um die Einigung mit Google neu zu verhandeln.

Anstatt zu versuchen, Google in eine Zwangsjacke zu stecken, würden es deutschen Politiker besser stehen die Hindernisse einzureißen, die es Start-ups auf dem alten Kontinent schwer machen, so schnell wie in Amerika wachsen zu können. Anstatt sich in der Europäischen Kommission dafür einzusetzen gegen Google vorzugehen, sollte sie Jean-Claude Juncker der neue EU-Kommissionspräsident bemühen, sein Versprechen einlösen endlich einen Binnenmarkt für digitale Dienste zu schaffen.

Zu Hause alte Regeln zu beschneiden wäre ein besserer Weg um die digitale Zukunft in Deutschland voranzubringen, anstatt Innovatoren aus dem Ausland anzuprangern, nur weil sie groß und amerikanisch sind.


(Quelle: The Economist)

 

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