Sollte Großbritannien die EU verlassen, wird es teuer. Das ist die Meinung verschiedener Ökonomen zum möglichen Brexit. Das Praxismagazin für Finanzthemen Onlineausgabe des Printmagazins Finanzen Markt & Meinungen.

 
 
02.06.2016 11:55 Uhr
GROßBRITANNIEN VOR ABSTIMMUNG

Europäische Union: Brexit-Entscheid auf des Messers Schneide

FrankfurtMain/London, 02.06.2016 11:55 Uhr (Gastautor)

Der Ausgang der Abstim­mung über einen so genannten Brexit, also den Austritt Groß­bri­tan­niens aus der Euro­päi­schen Union, am 23. Juni 2016 ist völlig offen. Zwei neue Meinungs­um­fragen des Insti­tuts ICM ergaben einen Vorsprung der Austritts­be­für­worter von 47 zu 44 Prozent.

Dagegen sieht die wöchentliche „Daily Telegraph"-Umfrage die EU-Anhänger weiter in Führung, allerdings mit rückläufigen Werten. Demnach wäre eine Mehrheit von 51 Prozent für den Verbleib in der EU. Auf der anderen Seite wären 46 Prozent für einen Austritt. Der Vorsprung der EU-Anhänger ist demnach innerhalb einer Woche von 13 auf 5 Punkte zusammengeschmolzen. Den EU-Befürwortern um Premierminister David Cameron schadet sicher die anhaltende Debatte über die mangelnde Kontrolle der Zuwanderung in die EU.

Sollte Großbritannien die EU verlassen, wird es teuer. Davon ist jedenfalls Clemens Fuest überzeugt. Die Wirtschaftsleistung könnte um bis zu 20 Prozent einbrechen, rechnet der neue Präsident des ifo Instituts in München. Positiv für Großbritannien wäre zwar, dass der Nettobeitrag zum EU-Haushalt in Höhe von 0,5% des BIPs entfallen würde. Die Vorstellungen aber, dass sich daraus Gewinne von bis zu 4,5% des BIPs ergeben können, hält Fuest für unrealistisch. Vielmehr sei die Beeinträchtigung des wirtschaftlichen Austauschs mit der EU kaum zu vermeiden. Denn ein voller Zugang zum Binnenmarkt würde voraussetzen, dass Großbritannien auch relevante europäische Regulierungen übernimmt, folgert der ifo-Chef. Diese loszuwerden ist paradoxerweise einer der Hauptgründe für den Brexit.

Deutsche Bank Pressefoto Global Markets

Nicht von ungefähr stellt sich auch die Deutsche Bank im Falle eines Brexits auf Marktturbulenzen ein. Auf lange Sicht würde das Geldhaus, das rund 8.000 Beschäftigte in London zählt, Geschäfte nach Kontinentaleuropa verlagern, sagt John Cryan. „Unsere Kunden wollen Staatsanleihen von Euro-Zonen-Staaten dann vermutlich nicht mehr in London handeln“, so der Deutsche-Bank-Chef.

Sollten sich die britischen Wähler am 23. Juni also tatsächlich für den EU-Austritt entscheiden, hätte dies zunächst jahrlange Verhandlungen über die künftigen Beziehungen mit der EU zur Folge. Für die Wirtschaft wäre dies eine andauernde Phase der Unsicherheit, in der Investitionen erstmal auf die lange Bank geschoben würden.

Zumindest offiziell gibt es in der EU keinen „Plan B“ für den Fall eines Austritts Großbritanniens. Immerhin, die Rechtsabteilung der EU-Kommission hat offenbar eine Urlaubssperre für Juli erhalten, um für den Fall eines Brexit-Votums gerüstet zu sein. Die Nachrichtenagentur AFP berichtete allerdings von einer Diskussion über einen gemeinsamen Plan der Regierungen Deutschlands und Frankreichs.

Der Autor dieses Artikels ist Klaus Stopp, Leiter der Skontroführung Renten bei der Baader Bank AG.

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