Behnam Sadough, Director Strategy DACH bei Epiq Systems Germany, stellt praktische Lösungen des Datenmanagements in der Finanzbranche vor. Das Praxismagazin für Finanzthemen Onlineausgabe des Printmagazins Finanzen Markt & Meinungen.

 
 
30.12.2015 15:45 Uhr
COMPLIANCE IN DER FINANZBRANCHE

Datenmanagement Strategie | Soziale Unternehmensnetzwerke in der Finanzbranche

London/Düsseldorf, 30.12.2015 15:45 Uhr (Gastautor)

Die zuneh­mende Vernet­zung bei Banken und Finan­z­in­sti­tuten stellt für die Finanz­branche eine neue Heraus­for­de­rung im Daten­ma­na­ge­ment dar. Elec­tro­ni­cally Stored Infor­ma­tion (ESI) sowie eDisclos­ure-Prozesse sind neu aufzu­stellen. Artikel von Behnam Sadough, Director Stra­tegy DACH bei Epiq Systems Germany.

Mobile und soziale Medien finden im Alltag immer breitere Anwendung und sorgen für ein Verschwimmen der Grenzen zwischen Privat- und Arbeitsleben. Mitarbeiter tauschen sich zunehmend über soziale Unternehmensnetzwerke wie Jive und Yammer, oder auch Plattformen wie SharePoint aus. Firmen verlagern mittlerweile nicht nur Inhalte und Kommunikation auf solche Tools, sondern wickeln auch ganze Aufgabenbereiche darüber ab. Das trägt nicht zuletzt zu einem jährlichen Wachstum der Datenvolumen in Unternehmen um knapp 40 Prozent bei1. Der Finanzsektor stellt hier keine Ausnahme dar.

Banken und Finanzinstitute setzen soziale Unternehmensnetzwerke in verschiedenen Geschäftsbereichen ein, vor allem jedoch im Vertrieb und im Kundenservice. Unter den Teilnehmern einer Studie über künftige Entwicklungen im Bankensektor erwarten 58 Prozent, dass Banken im Jahr 2020 überwiegend über Online-Kanäle mit ihren Kunden kommunizieren werden2. Im Trading-Bereich ist Business-Messaging bereits zu einem zentralen Aspekt effizienter virtueller Kommunikationsinfrastrukturen geworden3. Allerdings können die Technologie-Tools auch unsachgemäß eingesetzt werden, wie der jüngste Skandal um die Manipulation von Devisenkursen zeigt: hier tauschten sich die Händler in privaten Online-Chatrooms über die Manipulierung der Tages-Wechselkurse aus4.

1 PwC, „The E-Disclosure Report“, 2010, S.2,
2 Lünendonk-Trendstudie, „Zukunft der Banken 2020. Trends, Technologien, Geschäftsmodelle“, 2012
3 Vgl.: Finance Magnates Fin Tech, Symphony’s „Bloomberg Messaging Killer“ launches in Beta to 50,000 Users, Financial Times Online, „Goldman Bankers to Babble on their own chatroom“, Juli 24, 2014
4 vgl.: Ridley, Kirstin, „In FX rigging: ‚If you ain’t cheating, you ain’t trying‘“, Walsh, Ben, „The Key To Understanding The Latest Bank Scandal“, 07.10.2014

Lünendonk Trend Banken Finanzen Datenmanagement

Finanzunternehmen sollten beim Management elektronisch gespeicherter Informationen (Electronically Stored Information, ESI) und bei eDisclosure-Prozesse die Nutzung von Enterprise-Messaging-Tools in Zukunft stärker berücksichtigen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Finanzdienstleister mit Inkrafttreten der EU-Richtlinie MiFID II jegliche elektronische Kommunikation speichern müssen, wenn sich diese auf Anlagedienstleistungen mit dem Ziel einer Vereinbarung bezieht. Die Institute müssen diesen Anforderungen ab 2017 entsprechen können5. Ist ein Unternehmen in einen Rechtsstreit oder eine behördliche Untersuchung verwickelt, müssen sämtliche Datenquellen nach potenziell relevanten Informationen durchsucht werden. Das schließt auch Daten aus Social-Networking-Plattformen einer Firma ein. Betroffene Unternehmen sollten den eDisclosure-Prozess vorausschauend planen und einschlägige Erfahrung mit an Bord holen, um effizient und angemessen auf rechtliche Anfragen reagieren zu können.

Datenmanagement für rechtliche Absicherung

Tatsächlich sind ESI für Gerichtsverfahren und behördliche Untersuchungen mittlerweile so wichtig geworden, dass Firmen ihre Bedeutung nicht mehr ignorieren können. Die Justiz geht davon aus, dass „E-Mails, SMS, Twitter-Posts und ähnliches oftmals die aussagekräftigsten und verlässlichsten Beweise dafür darstellen, was jemand zu einem bestimmten Zeitpunkt gesagt oder gedacht hat... jeder Richter ist sich dessen bewusst, dass Erinnerungen trügerisch und eigennützig sind6.“

Unternehmen müssen die Informationen aus neuen und sich stetig weiter entwickelnden Datenquellen daher ordnungsgemäß sichern und extrahieren können7. Wie eine Umfrage des Beratungsunternehmens PwC jedoch zeigt, steht die Zunahme von Social Networking am Arbeitsplatz für IT- und eDisclosure-Experten an dritter Stelle unter den größten aktuellen Herausforderungen8. Das legt nahe, dass die Firmen diese Schwierigkeiten erst noch umfassend verstehen müssen, um sich ihnen angemessen stellen zu können.

In einem wichtigen ersten Schritt müssen Banken und Finanzinstitute alle Datentypen ebenso wie die technische Infrastruktur und die Speicherlösungen in einer so genannten Datamap erfassen. Das schließt auch ESI ein, die mittels Social und Mobile Media erzeugt und gespeichert wurden. Da Kommunikationspraktiken sich ständig ändern, sollten mögliche neue Quellen von ESI fortlaufend geprüft werden und gegebenenfalls in die Datamap einfließen. Zudem ist es wichtig, verbindliche Regeln für die Aufbewahrung und Löschung von ESI auf sozialen Unternehmensnetzwerken einzuführen9. Ist die Datenlandkarte nicht auf dem neuesten Stand, sind viele neue Datentypen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht darin abgebildet und Firmen können relevante Informationen infolgedessen nicht aufspüren.


 

Wenn Unternehmen sich nicht in der Lage zeigen, zulässige Daten wie E-Mail-Anhänge oder Gesprächsaufzeichungen aus Arbeitsplatznetzwerken akkurat zu verwalten, können daraus ernsthafte Konsequenzen entstehen.


 

 
Das verdeutlicht die Aussage eines Richters im Rahmen eines viel beachteten Prozesses in Großbritannien: so solle von der in diesem Fall betroffenen Prozesspartei, einem bekannten Großunternehmen, erwartet werden können, „dass [sie] über ein effizientes System des Informationsmanagements verfügt, um [ihre] elektronischen Datenbestände identifizieren, erhalten, sammeln, verarbeiten, analysieren und bereitstellen zu können... es ist überraschend und bedauerlich zugleich, dass [das Unternehmen] sich unfähig gezeigt hat, dem Gericht solche entscheidenden Informationen vorzulegen10.“ Die betroffene Partei wurde zu einer Strafe verurteilt.

Da digitale Kommunikation auch bei Banken und Finanzinstituten eine immer stärkere Rolle spielt und das Volumen elektronischer Daten ständig wächst, ist eine nachhaltige Strategie für das Datenmanagement wichtig. Denn wenn die Pflicht zur Datenüberwachung vernachlässigt wird, können daraus hohe Folgekosten entstehen - sowohl finanziell als auch hinsichtlich einer möglichen Rufschädigung.

Autor: Behnam Sadough, Director Strategy DACH bei Epiq Systems Germany.

5 FOCUS Money Online, „MiFID II: Zwei Drittel der Banken schieben Umsetzung vor sich her“, 11 Juni 2015
6 SCL, “Anything You Tweet or Post Can and Will Be Used Against You”, 12.06.2011
7 New Law Journal, “E-disclosure: 2014 & beyond”, 06.01.2014
8 vgl.: PwC (2010)
9 Yammer, Terms and Conditions, 2014
10 Earles vs. Barclays Bank Plc [2009] EWHC 2500 (Mercantile), S. 8

 

  • Informationstechnologie
  • Finanzen
 
Artikel »   Drucken Versenden

 


Kommentar schreiben »



Kommentar:
Bei einer Antwort möchte ich per Email benachrichtigt werden an
      meine Emailadresse: (wird nicht veröffentlicht)

Bitte übertragen Sie die dargestellte Zeichenfolge in das rechte Feld:

* Bitte halten Sie sich an die Netikette und vermeiden persönliche Anschuldigungen, Beleidigungen und Ähnliches. Verbreiten Sie außerdem keine Unwahrheiten, Vermutungen, Gerüchte sowie rufschädigende oder firmeninterne Informationen. Beachten Sie die Rechte Anderer und urheberrechlich geschützter Quellen. Bei rechtlichen Verstößen haften Sie in vollem Umfang. Aus diesem Grund sind wir gezwungen, Ihre IP-Adresse und Ihren Provider zu speichern. Mit dem Speichern Ihres Kommentars erklären Sie sich mit diesen Regelungen einverstanden.

 

Weitere Artikel zum Thema:

nach oben
Stichwortsuche (z.b. Finanzierung, Rente, etc.)
Aktuelle Artikel aus der Rubrik Markt & Meinungen
Marktkommentare von der Frankfurter Börse
Prognosen und Trends
Auswahl Branchen-Analysen
Europa News
Besondere Aufmerksamkeit aus unserem Leserkreis...
Redaktionelle Artikel, die Interessenten am meisten lesen...

Los geht´s...
Finanz-x-press
Abonnieren Sie den Finanzen Markt & Meinungen Newsletter:
 

 
Finanzen Markt & Meinungen - Das Praxismagazin für Finanzthemen
Onlineausgabe des Printmagazins Finanzen Markt & Meinungen.

Portalsystem 2016 © FSMedienberatung
Contentservice: Javascript Newsticker für Ihre Internetseite RSS Feed XML 0.9
0,89 Sek.