In Deutschland sinkt de Bereitschaft zum Gründen eines Unternehmens kontinuierlich. Es fehlen Finanzierungsprogramme und eine neue Gründerkultur in der Öffentlichkeit. Das Praxismagazin für Finanzthemen Onlineausgabe des Printmagazins Finanzen Markt & Meinungen.

 
 
13.07.2015 12:18 Uhr
GRÜNDER IN DER WIRTSCHAFT

Gründerkultur in Deutschland steht Abschwung bevor

Düsseldorf/Berlin, 13.07.2015 12:18 Uhr (Frank Schulz)

Während sich junge Menschen in den USA und in Asien mit ihren Werten und Ideen selbst­ständig machen, tendiert die Grün­dungs­nei­gung in Deutsch­land stark nach unten.

Informationen zum Autor:
Redaktion seit 2007 und Gründer von FMM-Magazin. Erfahrungen in der Finanzindustrie seit 2003 u.a. bei Gruner + Jahr (Financial Times Deutschland) und der OnVista Group.

"Wir haben keine Scheiternkultur, aus diesem Grund gibt es auch keine Gründerkultur", so ein Teilnehmer des letzten Mittelstand-Summit. In Deutschland sinkt die Bereitschaft zur Gründung eines Unternehmens ständig. Einerseits geht es den Beschäftigten gut - die Einkommen sind stabil. Andererseits gilt in Deutschland: Wer einmal scheitert, der ist bürokratisch in einem Kreislauf der "Kreditunwürdigkeit" abgestempelt. Innerhalb von Tagen sind sämtliche Institutionen informiert.

Darüber hinaus macht sich eine gescheiterte "Existenz" im Lebenslauf nicht gut. In den USA gilt scheitern zum Berufsleben und Neustarter werden durch ihre Erfahrungen mit offenen Armen empfangen.

Zudem gibt es kaum vernünftige Programme für Risikokapital bzw. Startkapital. Wenn Gründer bei ihrer Hausbank vorsprechen, ist der beste Businessplan Makulatur, wenn nicht schon bereits Kundenaufträge vorliegen. Zudem sitzt die "Schlinge" Bürokratie ständig am Hals des optimistischen Gründers.

ifm Bonn Gründer Statistik Deutschland

Die Zahl der gewerblichen Existenzgründungen ist im Jahr 2014 um rund 28.000 bzw. 8,3% zurückgegangen und liegt bei rund 309.900. Damit setzt sich die seit 2005 anhaltende rückläufige Entwicklung fort.

Es fehlen Finanzierungsprogramme für Gründer

Die KOMET Group aus dem baden-württembergischen Besigheim wartet nicht auf die Politik. Mit 10 anderen Unternehmern wurde ein regionaler Cluster gegründet, das Start-ups fördert und begleitet. Kunden erwarten heutzutage mehr Lösungskompetenz von ihrem Lieferanten. Die reine Produktlieferung reicht längst nicht mehr aus. Entweder wird Know-how zugekauft oder aber man fördert Kompetenzen durch Start-ups und Spin-offs. Der Vorteil: Die Gründer übernehmen volle Verantwortung und werden durch erfahrene Unternehmer unterstützt.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) geht in seinem Thema der Woche ebenfalls auf das Problem Gründerkultur ein. Die Kernaussage: Drei Prozent weniger Gespräche mit Gründern in spe verzeichneten die IHKs im Jahr 2014 (insgesamt 227.703) - der dritte Negativrekord in Folge seit Beginn der IHK-Gründungsstatistik im Jahr 2002. Stark sank die Zahl derer, die aus der Arbeitslosigkeit heraus ihrer IHK ein Konzept vorlegten. Viele qualifizierte Fachkräfte gehen zudem lieber den sicheren Weg einer gut dotierten Festanstellung - die positive Entwicklung am Arbeitsmarkt begrenzt das Gründungsgeschehen.

Der DIHK fordert: Nötig sind ein wirksamer Bürokratieabbau, bessere Finanzierungsbedingungen – und eine Willkommenskultur für Unternehmer.

Bürokratiehürden beseitigen: Das vom Bundestag beschlossene Bürokratieentlastungsgesetz enthält gute Ansätze: So sollen beispielsweise die Grenzbeträge für die Buchführungs- und Aufzeichnungspflichten um jeweils 20 Prozent auf 600.000 Euro Umsatz beziehungsweise 60.000 Euro Gewinn steigen. Dies würde ca. 1.000 Gründer pro Jahr entlasten – für den Einzelnen gut, angesichts von rund 300.000 Gründern aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Nach IHK-Erfahrungen wollen zudem nahezu alle Gründer einen „Service aus einer Hand“. Ein wichtiger Schritt zu den von der Bundesregierung angekündigten One-Stop-Agenturen wäre es, wenn alle Bundesländer den IHKs ermöglichen, Gewerbeanzeigen auch rechtsgültig zu bearbeiten. So erhielten Gründer ein Komplettpaket aus Beratung und rascher Anmeldung des Start-ups. Auch sollten Bund, Länder und Kommunen es ermöglichen, innerhalb eines Monats ein Unternehmen inklusive aller erforderlichen Genehmigungen zu gründen.

Finanzierung verbessern – Start-ups Rückenwind geben: Seit anderthalb Jahren warten Start-ups auf das im Koalitionsvertrag angekündigte Wagniskapital-Gesetz. Nötig ist ein Steuerrecht, das beim Investoreneinstieg sowie beim Anteilseignerwechsel Verluste vollständig berücksichtigt. Denn innovative Gründungen sind durch lange Anlaufphasen und oft sehr unsicheren Markterfolg geprägt. Zudem muss die Politik mit mehr Nachdruck Doppelbesteuerungen vermeiden, um verstärkt ausländische Investoren anzuziehen. Andernfalls läuft Deutschland Gefahr, in puncto Wagniskapital Entwicklungsland zu bleiben.

Willkommenskultur für Unternehmen schaffen: Mehr Welcome Center, bessere Willkommensstrukturen und auch mehr Sprachkurse für Selbstständige würden Zuwanderern den Einstieg erleichtern. Wir brauchen ein Klima, in dem sich alle Unternehmer wohl fühlen. Dazu müssen alle gesellschaftlichen Akteure stärker über Selbstständigkeit informieren, insbesondere die Schulen.

Ein weiteres Problem ist, das es kaum Coaches für Existenzgründer gibt, die ohne Entgelt tätig werden. Viele Berater von kommunalen Wirtschaftsförderungen wünschten sich mehr ehrenamtliche Begleiter.

(Quellen: DIHK, IfM Bonn, Eigen)

 

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1 Kommentar »
 
29.08.15 22:49 Uhr
Wilfried Tönnis
Gründer auf die Rote Liste
Seit 10 Jahren befinden sich Existenzgründungen in Deutschland auf dem absteigenden Ast http://www.vgsd.de/vgsd-arbeitsgruppe-wir-brauchen-eine-neue-gruenderzeit-aber-bitte-nicht-nur-fuer-startups/


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