Aufspaltungen von Unternehmen wie thyssenkrupp in eigenständige Geschäftseinheiten soll den Aktienkurs positiv beeinflussen. Das Praxismagazin für Finanzthemen Onlineausgabe des Printmagazins Finanzen Markt & Meinungen.

 
 
01.11.2018 18:50 Uhr
BÖRSE UND FINANZMÄRKTE SPEZIAL

thyssenkrupp Aktie | Trend zur Aufspaltung anstatt Fusion

Düsseldorf, 01.11.2018 18:50 Uhr (Gastautor)

Akti­vis­ti­sche Aktio­näre bzw. Inves­toren z.B. Hedge­fonds drängen börsen­no­tierte Unter­nehmen wie thys­sen­krupp zur Aufspal­tung. Ziel ist die Stei­ge­rung des Share­hol­der-Value auf eine spezi­elle Art und Weise.

Aus eins mach zwei: Ende September teilte der bereits seit Jahren kriselnde Industrieriese thyssenkrupp mit, den Konzern in zwei eigenständige, börsennotierte Unternehmen aufzuspalten: in die thyssenkrupp Materials AG mit knapp 40.000 Mitarbeitern und 18 Milliarden Euro Umsatz sowie in die thyssenkrupp Industrials AG mit 90.000 Beschäftigten und 16 Milliarden Euro Umsatz. Die Anteilseigner sollen nach der Aufspaltung an beiden Unternehmen beteiligt sein.

Werden diese Pläne umgesetzt, handelt es sich um ein typisches Spin-off, und diese Abspaltungen haben, zusammen mit den sogenannten Split-offs und Carve-outs (s.u.), seit dem Jahr 2000 weltweit stark zugenommen.

Zwar gibt es keine offizielle Statistik zu Unternehmensaufspaltungen, die Analyse entsprechender Börsennachrichten zeigt aber einen eindeutigen Trend:

iwkoeln Börse Trend Aufspaltung Beispiel thyssenkrupp

(Im Jahr 2000 wurden weltweit gerade einmal 24 Unternehmensaufspaltungen gezählt – bis auf das Rezessionsjahr 2009 sind es seitdem meist zwischen 150 und 200 Fälle pro Jahr.)

Die anders erfassten, insgesamt knapp 4.100 Unternehmensaufspaltungen seit der Jahrtausendwende betreffen nahezu alle Wirtschaftszweige, allerdings mit recht unterschiedlicher Gewichtung:

iwdkoeln Börse Aufspaltungen nach Branchen

(Allein knapp 700 Fälle - rund 17 Prozent aller Unternehmensaufspaltungen - gehen auf das Konto der Finanz- und Immobiliendienstleistungen.)

Vier Arten, ein Unternehmen aufzuspalten:
  • Spin-off: Im engeren Sinn bezeichnet ein Spin-off die Abspaltung einer Unternehmenseinheit über eine Börsenaktion, ohne dass sich die Besitzverhältnisse ändern. Die Aktionäre des originären Unternehmens erhalten Anteile an der neu konstituierten Firma, die ihrem jeweiligen Anteil am Altunternehmen entsprechen, und sind nun an zwei separaten Unternehmen beteiligt.
  • Demerger: Dabei handelt es sich um eine Aufspaltung, bei der die abgespaltene Unternehmenseinheit zuvor durch eine Übernahme erworben wurde. Die Abspaltung vormals übernommener Geschäftsfelder weist darauf hin, dass erhoffte Synergieeffekte keineswegs immer eintreten und die Entscheidung deshalb korrigiert wird.
  • Split-off: In diesem Fall werden den Altaktionären ebenfalls Anteilsscheine des auszugliedernden Unternehmensteils angeboten, jedoch nicht anteilig zu ihrer bisherigen Beteiligung am Altunternehmen: Vielmehr müssen sie sich zwischen einer Beteiligung am alten und am neu entstehenden Unternehmen entscheiden.
  • Carve-out: Das bezeichnet eine Aufspaltung, bei der eine bisherige Konzernsparte oder eine nicht selbstständige Tochtergesellschaft an die Börse gebracht wird. In diesem Fall erzielt das Mutterunternehmen eine Einnahme, die Abspaltung ist daher im Gegensatz zu Spin-off und Split-off nicht steuerneutral.

Beispiel thyssenkrupp - die Börse ist die treibende Kraft

Ein Teil der Aufspaltungen ist aber nicht ausschließlich auf die strategische Entscheidung des Managements zurückzuführen, sondern geht von sogenannten aktivistischen Aktionären aus - dazu zählen zum Beispiel Hedgefonds. Sie sind mit der Kursentwicklung des Unternehmens, an dem sie beteiligt sind, nicht zufrieden und erwarten von der eigenständigen Börsennotierung eines Geschäftsbereichs, den sie für unterbewertet halten, steigende Kurse und Dividenden.

Auch bei der Aufspaltung von thyssenkrupp drängten aktivistische Aktionäre schon länger auf eine Umstrukturierung.

Die anvisierten Kurssteigerungen sind durchaus realistisch, denn tatsächlich werden Mischkonzerne und Holdings an der Börse üblicherweise mit einem Abschlag gehandelt - frei nach dem Motto: Das Ganze ist weniger wert als die Summe seiner Teile.

Zwei prominente Beispiele dafür sind Daimler und VW

Die beiden deutschen Autobauer werden an der Börse ähnlich bewertet wie vergleichbar große und profitable reine Pkw-Hersteller - sprich, ihre jeweiligen Lkw-Sparten schlagen sich nicht in einem entsprechenden Mehrwert für die Aktionäre nieder. Volkswagen plant deshalb selbst einen Spin-off für das Frühjahr 2019: Dann soll die Traton Group, eine 100-prozentige VW-Tochter, mit ihren Marken MAN, Scania, Volkswagen Caminhões e Ônibus und RIO an die Börse gehen.

Es scheinen also tatsächlich vor allem unterbewertete Unternehmen zu sein, deren Management durch eine Ab- oder Aufspaltung stille Reserven heben und – in der Summe von Mutterunternehmen und Spin-off - eine höhere Bewertung an der Börse erzielen will.

Dass das funktionieren kann, zeigt der S&P Spin-off-Index. Er enthält an US-Börsen notierte abgespaltene und eigenständige Unternehmen, die eine Marktkapitalisierung von mindestens 1 Milliarde Dollar aufweisen und deren Trennung vom Mutterkonzern nicht mehr als fünf Jahre zurückliegt. Ein Vergleich des Spin-off-Index mit dem Standard & Poor’s 500 (S&P), der die 500 größten börsennotierten US-Unternehmen enthält, spricht eine deutliche Sprache:


 

Seit seiner Auflegung im Dezember 2006 ist der Spin-off-Index um mehr als 300 Prozent gestiegen, der S&P legte seither nur um rund 90 Prozent zu.


 

Eine Garantie für steigende Aktienkurse durch Auf- oder Abspaltung gibt es jedoch nicht. So brachte zum Beispiel die Trennung des Metro-Konzerns in zwei eigenständige Unternehmen - Metro (neu) für den Lebensmittelhandel und Ceconomy für den Bereich Konsumelektronik - im Sommer 2017 nicht den erhofften Erfolg. Beide Unternehmen wurden schon zum Börsendebüt mit einem Abschlag gegenüber der vorherigen Bewertung von Metro gehandelt und haben seither weiter an Wert verloren.

In der Theorie spricht dennoch vieles für abgespaltene Unternehmen, die sich auf bestimmte Aktivitäten fokussieren. Für die Akteure an den Kapitalmärkten ist die Kontrolle der Spin-offs leichter als bei Mischkonzernen, in denen langwierige Abstimmungen mit der Konzernleitung und zwischen den einzelnen Geschäftsfeldern oft zu Reibungsverlusten führen, die die Synergieeffekte durch die Zusammenlegung zentraler Funktionen übersteigen. Diese Vorteile von Spin-offs werden jedoch damit erkauft, dass die Absicherung durch Risikostreuung verloren geht.

(Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V. / Dr. Klaus-Heiner Röhl - Senior Economist für Unternehmen.)

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